Adler und Engel
nach dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh
Uraufführung in Göttingen, Theater Discounter, 1. Oktober 2005

Adler und Engel 150

Juli Zehs Roman „Adler und Engel“ ist ein psychologischer Krimi, ist ein expressionistische Orgie, ist ein kalter Sommer-Roadmovie, der seine(n) Helden zwischen Leipzig und Wien, der Nacht und dem Tag, dem Mond und der Sonne pendeln lässt. Er ist aber auch eine zynische Anklage, eine bittere Studie der egozentrischen westlichen Welt und eine mitleidlose Abrechnung mit einer Lebenshaltung, in der eine Hand die andere wäscht und die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. So kann der Titel „Adler und Engel“ sowohl in der Ein- wie in der Mehrzahl verstanden werden. Ebenso wie die Worte Täter und Opfer...

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Die leere, kahle Bühne, illustriert nur von einigen Rück-Projektionen, ist ein gleißend heller Raum, manchmal innen, manchmal außen, mal Leipzig, mal Wien, mal Gegenwart, mal Vergangenheit – aber immer überwacht von den Schauspielern, die sich hinter einer Schanze von Mischpulten und Computern, Mikrofonen und Videokameras verbergen und das Geschehen im Vordergrund observieren. Hier beobachtet jeder jeden, hier hat jeder etwas zu verbergen – oder dringend zu verdrängen. Im Zentrum: ein weißer Haufen aus Kokain, in dem sich die Figuren suhlen wie im Sandkasten, dessen feinen Staub sie unter scheußlichen Zuckungen in sich einsaugen und den sie sich mit dem Holzstiel vom Magnum-Eis in die Nasenlöcher schaufeln. Hier tollwütet fast drei Stunden lang Martin Thamm als Karriere-Anwalt Max. Er schmeißt sich auf den Boden, tobt, schreit, versinkt im Egoismus seines Selbstmitleids, schlägt brutal um sich und trifft andere, versucht sich aufzugeben und endlich mit sich und seinem Leben abzuschließen. Dieser epileptische Affentanz der Selbstzerstörung dient der mitleidslosen Psychologiestudentin Clara (großartig: Patricia Coridun) als Material für ihre Diplomarbeit. Mit quälender Beharrlichkeit versucht sie aus Max herauszubekommen, warum sich seine Freundin Jessie das Leben genommen hat. (Als verkrümmtes Häufchen Elend: Susanne Martin). Doch Max beschäftigt sich viel mehr mit den Killern, die Jessies Vater, ein wohlsituierter österreichischer Drogenbaron, vermutlich längst auf ihn angesetzt hat. „Theater M 21“ – Nachfahre der Hildesheimer Theatergruppe „Mahagoni“ – stellt mit seiner mutig ausführlichen Adaption von Juli Zehs finsterem Roman „Adler und Engel“, die jetzt im Theaterhaus gastierte, einen Zerrspiegel auf, in dem eine Welt eingefangen wird, die nur noch „verwüstet, geschändet, gedächtnislos“ ist. Nicht nur die psychopathologischen Abgründe der auf bizarre Weise unsympathischen Figuren werden hier mit exzessiver Begeisterung und furchteinflößender Spielfreude bloßgestellt. Immer wieder gewittert auch die Zeitgeschichte dazwischen, und in grellen Blitzen leuchtet der Krieg auf dem Balkan auf: Kriegsverbrecher treten genauso in den Fokus wie Flüchtlingsfrauen, die als Drogenkuriere missbraucht werden. Regisseur Joachim von Burchard vertraut bei diesem grell ausgeleuchteten Gang durch die Finsternis ganz auf die sprunghafte Dramaturgie der Vorlage. So vollzieht er permanente Orts- und Zeitenwechsel, spielt mit Perspektiven und Schauplätzen und findet für all das Angeschnittene, für die offenen Szenen und die scheinbar nirgendwohin führenden Gespräche einen zwingend beklemmenden Rahmen. Trotzdem bleibt in Nicola Bongards weitläufig angelegter Textfassung, die sich den Verdichtungswünschen des Theaterraums immer wieder entzieht, die Orientierung manchmal auf der Strecke. Viel Nerven und Geduld sind nötig, bis sich dann am Ende die losen Fäden zu einem wirklich verstörenden Spannungsknoten verbinden. Dann aber wird „Adler und Engel“ endgültig zum raffiniert ausgetüftelten Drogenkrimi. Und die völlig heruntergekommene Hauptfigur darf in sich den Völkerrechtler entdecken - und eine überraschende Fähigkeit zu Mitleid und Liebe. Die ganze grelle Beleuchtung geht aus bei diesem „Happy-End“ unter vorgehaltener Waffe. Stille herrscht jetzt über dem Drogensumpf aus breit getretenem Kokain. Und im Dunkeln ist es nicht mehr ganz so finster, wie bei all dem Licht.
(mot in der Hildesheimer Allgemeine)

Beteiligte
Darsteller: Patricia Coridun, Nora Heinicke, Susanne Martin, Jan Exner, Knut Geißler, Martin Thamm

Ausstattung: Jeannine Simon
Sounds: Jan Exner
Visuals: Knut Geißler
Dramaturgie: Nicola Bongard
Inszenierung: Joachim von Burchard

Eine Produktion von Theater M21, Göttingen und Büro für Off-Theater, Leipzig
unterstützt von Theaterhaus Hildesheim und LOFFT, Leipzig.