Interview zu "Sehnsucht Suomi"


Das Festival »Off Europa« holt im 25. Jahrgang Finnland nach Leipzig und Dresden. Festivalleiter Knut Geißler erklärt im Interview mit dem Leipziger Stadtmagazin Kreuzer warum.

Was macht Finnland zum Sehnsuchtsort?
Knut Geißler: Für mich tauchen ständig neue Sehnsuchtsorte auf. Sehnsucht entsteht über Neugier. Ein Land, nicht sehr häufig im Fokus der Medien, dessen Theater- und Tanzkünstler in Mitteleuropa wenig präsent sind, ist es »Off Europa« wert, erforscht und präsentiert zu werden. Und dann sind sie da, die Gäste, die Künstler, und schärfen mit ihren Horizonten und Ausdrucksweisen ein zuvor noch vages Bild.

Schwerpunktmäßig habt Ihr euch bisher vor allem auf Südosteuropa konzentriert, wie kommt es, dass ihr euch jetzt Finnland widmet?
Knut Geißler: Für »Off Europa« waren immer Ränder von besonderem Interesse. Die Ränder einer üblichen Wahrnehmung, die des Kontinents, natürlich die Schnittstellen und Bruchkanten in der darstellenden Kunst. Das Festival ist eine Momentaufnahme, wunderbar ist, dass sich nie etwas wiederholt, alles beginnt mit jeder Hinwendung zu einem neuen Land von vorn. Im Moment sind wir bewusst sprunghaft unterwegs, von Kroatien über Finnland nach Griechenland im nächsten Jahr. Um in Polen 2018 und Israel 2019 wieder völlig andere Erkenntnisse zu gewinnen und diese hier zu präsentieren.

Wie habt ihr die thematische Auswahl getroffen? Entspricht der kritische, zeitgenössische Schwerpunkt – Vergewaltigung, globale Erwärmung etc. – dem, was in der finnischen Theaterlandschaft momentan üblich ist oder war das eine bewusste Auswahl?
Knut Geißler: Es gibt bei »Off Europa« kein Suchen unter bestimmten Vorzeichen. Diese Themen, die auf eigenem Erleben bzw. klaren ethischen Haltungen basieren, sind natürlich ein Glücksfall für das Programm. Ansonsten ist eine solche Festivalwoche eine Art Komposition, die sich aus Stilen und Thematiken, aus kleineren und größeren Arbeiten, aus Musik, Tanz, Theater und Film weitgehend selbst zusammenbaut.

Inwiefern spiegeln die Stücke das heutige Finnland wider, sind typisch für das Land oder brechen mit ihm?
Knut Geißler: Künstler sind zumeist scheue Wesen, Individualisten, die auf neue, ureigene Kreationen hinarbeiten. Insofern ist es doch nicht ein Land, sondern ein konkreter Künstler, eine Personengruppe, Konzepte und Ideen, die sich hier präsentieren werden. Deutlicher ist das mit den Ausgangspunkten künstlerischer Beschäftigung, den Details der Lebensumstände, den Arbeitsweisen – und da gibt es naturgemäß Unterschiede zwischen Finnland und Südosteuropa.

Welche Trends sind aktuell im finnischen Theater festzustellen?
Knut Geißler: Ich beschäftige mich wenig mit Trends, Moden, einem Hype. Etwas Bestimmtes dieser Art habe ich in Finnland nicht ausmachen können. Spuren finnischer Mentalität, geprägt von Lakonie, Selbstironie, Naturverbundenheit und Bodenständigkeit, lassen sich in vielen Arbeiten finden. Und es wird viel experimentiert in der Erforschung menschlicher Bewegung.

Warum ist es wichtig, finnischer Kultur in Deutschland eine Bühne zu bereiten?
Knut Geißler: Es sind ja keine einheitlichen Entwicklungen in Theater und Tanz, die sich in Europa beobachten lassen. Ich denke, es ist essentiell wichtig, neugierig zu sein, sich Einflüssen, Gedanken, Erkenntnissen von außen gegenüber offenzuhalten. Ob als einheimischer Künstler oder auch als Zuschauer.

Was ist dein persönliches Highlight des Festivals?
Knut Geißler: Mir sind alle Teile der »Komposition« gleichermaßen wichtig. »The Earth Song« und »Play Rape« sind charismatische Produktionen, es ist aber auch hochinteressant bei kleineren, stilleren Arbeiten wie »Writing Dancing« genau hinzusehen. Pasi Mäkelä & Sabotanik Garden sind ebenso schräg wie das Vertanzen verschiedener Nationalhymnen am letzten Festivaltag ungewöhnlich. Und es freut mich besonders, dass es in der Kinobar Prager Frühling und Cinémathèue sorgsam ausgewählte finnische Spielfilme und Dokumentationen geben wird.

Fragen: Jana Nowak.

Knut Geißler auf Fragen zu Sichtung und Programm


Während des Lockdowns, im April, als noch nicht klar war, ob das Off Europa: Identität Polska" stattfinden kann oder nicht, führten die polnische Tanzkritikerin und Kuratorin Anna Królica und Festivalleiter Knut Geißler eine längere Unterhaltung via eMail.
Hier die Antworten von Knut Geißler zu Sichtung, Organisation und Programm.


Anna Królica:
Chciałam ciebie jeszcze zapyta, o kryteria twoich wyborów, kiedy myślałeś i tworzyłeś program?
Ich möchte Sie gern nach den Kriterien fragen, als Sie über das Programm nachgedacht und es entwickelt haben?


Knut Geißler:
Bei Off Europa geht es in jedem Jahr vor allem darum, zu beobachten, zuzuhören, zu erfühlen, was das jeweils ausgewählte Land ausmachen könnte. Mit einem Blick von Außen, vom Jemandem, der zunächst wenig weiß. Ein möglichst langes Tasten, so aufgeschlossen wie möglich, ohne Erwartungen, ein allmähliches Ansammeln von Wissen. Ein langsamer Prozess, der auf seine Reife wartet - und am Ende auf Veröffentlichung drängt.
Abgesehen davon ist das Land nur ein äußerer Rahmen, ein Anlass, ein Bezugsrahmen, der ab irgend einem Moment etwas von seiner Wichtigkeit verliert, das Programm im besten Fall nur noch sanft umgibt. Wenn die ersten Arbeiten ausgewählt sind, treten die Künstler in die erste Reihe, ihre Geschichte, ihre Arbeitsbedingungen, beinahe automatisch bildet sich eine Art Koordinatensystem, wo sich alle folgenden Arbeiten einreihen, platziert werden. Eine Art Erzählung beginnt sich herauszubilden mit der ein Kurator oder Programmgestalter zunehmend weniger zu tun hat. Er/sie tritt sozusagen hinter dem Ergebnis seiner Recherche zurück. Also... es gibt keine festen Kriterien. Bei Off Europa geht es um anhaltende Neugierde. Um Suchen und Finden.

Tanzplattform Bytom Iza Szostak Balet koparyczny
Iza Szostak: Balet koparyczny (Ballett der Bagger) auf der Polnischen Tanzplattform 2017 in Bytom
© Festival Off Europa / Knut Geißler


Anna Królica:
Jak odczytujesz narracje, stworzoną dzięki Twoim zaproszeniom konkretnych artystów i ich spektakli na festiwal Off Europa? Jaki obraz może zobaczyć widz/publiczność?
Wie lesen Sie die Erzählungen, die durch Ihre Einladungen bestimmter Arbeiten zum Festival Off Europa entstanden sind? Welches Bild kann das Publikum sehen?

Knut Geißler:
Es sind Segmente von Gesellschaft, auch Zeitläufe, die ich hier abgebildet sehe. Das bereits angesprochene „Polska“ von Agata Maszkiewicz beleuchtet eine gewisse Ratlosigkeit mit der eigenen Identität, schon Wojtek Ziemilski geht mit zehn Jahren Abstand in „Essence of Poland“ völlig anders, anders selbstbewusst mit seinem Land um. Agata Maszkiewiczs „Taki pejzaż“ erweitert diesen Blick noch einmal in die Zukunft, sucht nach Verbündeten und Kommunikation, hat also ganz klar utopisches Potential. Insbesondere Renata Piotrowska-Auffret erzählt in „The pure gold is seeping out of me“ sehr viel über polnische Gegenwart, die immer natürlich auch eine (mittel)europäische ist, Sicher werden nur wenige Zuschauer ein solches Festival mit all seinen Aufführungen verfolgen, und werden solche Bögen nicht immer nachvollziehen können. Aber immerhin die Möglichkeit ist gegeben. Die Spuren sind ausgelegt.

Anna Królica:
Jak wyglądał proces poznawania polskiej sceny tańca i poszukiwania konkretnych twórców lub ich spektakli do Twojego programu Off Europa Festival?
Wie war der Prozess des Kennenlernens der polnischen Tanzszene und der Suche nach bestimmten Künstlern oder ihren Arbeiten für Ihr Off Europa Festival-Programm?

Knut Geißler:
Wie gesagt war das eine lange Reise. Von großen Festivals zu vielen kleineren, kuratierten Veranstaltungsreihen und einzelnen Aufführungen. Viele Gespräche, Videostudium von älteren Aufführungen. Man prüft zunächst alles, wovon viele Leute reden. Muss sehen, ob es tatsächlich Sinn macht, so etwas dann im Ausland zu zeigen. Oft ist eine unbekanntere, vielleicht auch kleinere Arbeit interessanter, aussagefähiger, mutiger. Diese allerdings muss man erst einmal finden.

Anna Królica:
Czy polscy choreografowie są dobrze znani w Niemczech? Czy Off Europa Festival ma dodatkowe zadanie, aby odkryć przed widzami nieznaną jeszcze część tanecznej społeczności, i jej sposobami odczuwania, przeżywania i komentowania rzeczywistości?
Sind polnische Choreograph:innen auch in Deutschland bekannt? Hat das Off Europa Festival auch die Aufgabe, den Zuschauern bisher unbekannte Bereiche der Tanzszene vorzustellen und zu zeigen, auf welche Art und Weise gefühlt, erlebt und die Wirklichkeit kommentiert wird?

Knut Geißler:
Natürlich sind polnische Künstler in Westeuropa unterwegs. Aber außerhalb besonders interessierter, eingeweihter Kreise sind sie selten bekannt. In diesem Sinne machen wir als Festival auch keinen Unterschied zwischen etablierteren und weniger bekannteren Künstlern. Junge, aufstrebende Künstler zu finden und zu fördern ist immer wunderbar, aber auch für die bekannteren ist Off Europa ein guter Ort, ihre Arbeiten einem neugierigen, vorurteilsfreien Publikum zu präsentieren.

Anna Królica:
Jak zmieniła pandemia Twoją koncepcję festiwal?
Wie hat die Pandemie Ihr Festivalkonzept verändert?

Knut Geißler:
Ich will nicht zu viel versprechen, die Unsicherheit bleibt. Falls sich die Verschiebung in den Oktober realisieren lässt, werden wir das Programm in Leipzig und Chemnitz weitgehend erhalten können. In Dresden konnten wir keine Ersatztermine finden, so dass die Gastspiele dort überwiegend ausfallen müssen. Das trifft vor allem „Dobre wychowanie“ und „This Is A Musical“. „Kukulka“ kann möglicherweise nachgeholt werden, während es „The pure gold is seeping out of me“ nun nur noch in Leipzig geben wird. Das ist für alle Beteiligten sehr traurig und insbesondere der Vernetzungs- und Nachhaltigkeitsgedanke des Festivals wird etwas beschädigt. Die Hoffnung auf den Oktober in Leipzig und Chemnitz ist immerhin ein kleiner Trost.

Gespräch mit der Tanzkritikerin und Kuratorin Anna Królica


Anna Królica begleitete den Entstehungsprozess, das Wachsen von „Off Europa: Identität Polska" über viele Monate als Beraterin.
Sie studierte Theaterwissenschaft und Russische Philologie an der Jagiellonen-Universität in Kraków. In den Jahren 2005-2006 führte sie das Erasmus-Programms an die Universität Leipzig.
Anna Królica arbeitet als Kuratorin, Kunst-/Tanzkritikerin und Tanzhistorikerin und lebt derzeit in Wrocław.

Anna Królica by Kamila Buturla
Foto © Kamila Buturla

Während des Lockdowns, im April, als noch nicht klar war, ob das Festival stattfinden kann oder nicht, führten Anna Królica und Festivalleiter Knut Geißler eine längere Unterhaltung via eMail. Über das Konstrukt Polen und polnische Identität, über Konservatismus und Nacktheit, über eine
Generation Solo" und europäische Biographien im Spagat.
Hier der erste Teil. Gefragt in English, geantwortet auf Polnisch. Die Antworten übersetzte Henrietta Meyer.


Knut Geißler:
What do you think, can this, our selection of 12 different, rather smaller performances tell something about Poland and its performing arts?


Anna Królica:
Ich glaube daran, dass Programme, deren Fokus auf der Kunst eines bestimmten Landes liegt, über dieses Land eine Geschichte erzählen, dessen Befindlichkeit wiedergeben sowie dessen Künstler repräsentieren können. Normalerweise wird es problematisch, wenn definiert werden soll, was das Konstrukt „Polen“ bedeutet, was polnische Identität ist und was diese ausmacht. Was diese für uns bedeutet, für uns Polen, die wir im Land leben oder lebten und was diese für jemanden bedeutet, der eine Perspektive von außen hat, wie z.B. für einen Touristen, einen Beobachter, Staatsbürger eines anderen Landes. Wenn wir uns darauf einigen können, dass das Konstrukt „Polen“ (die polnische Identität) durch ein konkretes geografisches Gebiet sowie die Geschichte bestimmt wird, dann bin ich der Meinung, dass das Programm von Off Europa viel über die polnische Identität erzählen kann, wie z.B. über die aktuelle Kunstszene, über die konkrete Situation der Performance-Kunst (auch über den modernen Tanz als solchen), über bestimmte Trends, über gesellschaftliche Befindlichkeiten.
Interessant ist, dass Sie für die Präsentationen junge Künstler:innen eingeladen haben und solche, die sehr bekannt sind und sich großer Anerkennung erfreuen. Besonders faszinierend scheint mir der Fakt, dass im Rahmen des Festivals Arbeiten gezeigt werden, die für gewöhnlich in dieser Zusammensetzung nicht auftauchen. Als würden sie einer anderen Art von Ästhetik oder Kunst zugeschrieben; was wiederum zeigt, dass bei uns eine Art innerer Code existiert, eine Art Einfluss, eine andere Praxis des Programmierens oder des Betrachtens.
Andererseits ist es auf dem Gebiet des zeitgenössischen Tanzes schwierig, von einer nationalen Identität zu sprechen, da dieser seinen Ursprung im internationalen Erbe hat, von amerikanischen Tänzerinnen und Tänzern zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt und und von Reformern, Erneuerern aus verschiedenen Ländern beeinflusst. Zahlreiche polnische Künstler:innen studierten hauptsächlich oder teilweise an ausländischen Hochschulen, leben oft außerhalb von Polen oder führen schlicht und einfach ein „Doppelleben“, worunter ich verstehe, dass sich ihre Arbeit in Projekte unterteilt, die in Polen realisiert werden und in solche, die im Ausland stattfinden, wo sie dann die Hälfte oder gar den Großteil ihrer Zeit verbringen.
Dennoch: Viele der geladenen Künstlerinnen und Künstler arbeiteten mit dem Konstrukt der polnischen Identität. Agata Maszkiewicz spricht darüber aus der Perspektive eines gewissen nationalen Wohlergehens und der nationalen Repräsentation im Sport (was ironisch gemeint ist). Auf eine andere Weise zeigt Wojtek Ziemilski die Essenz der polnischen Identität.
Der Titel des Spektakels von Agata Maszkiewicz „So eine Landschaft“ (Taki pejsaż) wiederum bezieht sich auf ein Lied, das von Ewa Demarczyk, die Mitglied des berühmten Krakauer Theaters „Piwnica pod Baranami“ war, interpretiert wurde. Das ist ein starker kultureller Kontext, aber die Aufführung lässt sich auch auf andere Weise verstehen, ohne dass man Ewa Demarczyk kennt.
„This Is A Musical“ von Karol Tymiński ist eng mit der Situation in Polen verbunden. Die Inszenierung wurde in einigen Fällen abgesagt, da das Stück als kontrovers beurteilt wurde, es würde Gefühle verletzen. Nach der Aufführung des Stückes beim Festival „Polnische Plattform für Tanz“ 2017 gab es zahlreiche Missverständnisse und Verwirrung, so dass wir als künstlerischer Beirat des Festivals eine Erklärung an den Stadtrat schreiben mussten, warum dieser Künstler eingeladen wurde, denn vom politisch rechts gerichteten Umfeld wurde in Frage gestellt, ob die Art, in der der Künstler das Stück präsentiert, überhaupt noch als Kunst gelten kann. Das war auch nicht das einzige Mal, dass sich Karol Tymiński für seine künstlerischen Mittel rechtfertigen musste, einige Zuschauer waren derart aufgewühlt, dass sie vom Künstler verlangten, er solle ihnen erklären, warum er gerade diese und nicht andere künstlerische Mittel verwende. In diesem Sinne erhielt seine Kunst einen beachtlichen Radius an Aufmerksamkeit, zur gleichen Zeit wurden seine Aufführungen bei ImPulsTanz in Wien hoch geschätzt. Der Blick von Innen und der Blick von Außen können völlig unterschiedlich sein.
Wierzę w to, że programy sfokusowane na sztukę danego kraju, mogą przekazać o nim jego opowieść, oddać nastrój, zaprezentować twórców. Zazwyczaj pojawia się problem przy definiowaniu, co oznacza konstrukt „Polska“, czym jest polska tożsamość, co ją wyznacza. Co oznacza dla nas, dla Polaków, którzy mieszkają lub mieszkali w kraju, a co oznacza z perspektywy kogoś z zewnątrz, np. turysty, obserwatora, obywatela innego kraju. Jeśli moglibyśmy się zgodzi, że konstrukt „Polska“ (tożsamość polska) jest ukształtowany przez konkretną przestrzeń geograficzną i historię, wtedy, zgadzam się, że program festiwalu Off Europa może powiedzieć dużo o polskiej tożsamości, np. o aktualnym rynku sztuki, o konkretnym momencie dla sztuk performatywnych (w tym tańca współczesnego jako takiego), o pewnych trendach, o nastrojach społecznych.
Co ciekawe, zaprosiłeś do prezentacji na festiwalu Off Europa młodych twórców i tych dobrze znanych, cieszących się uznaniem. Co wydaje mi się szczególnie fascynujące, to fakt, że w ramach festiwalu będę prezentowani twórcy, których zazwyczaj w tym składzie nie pojawiają się w polskich repertuarach przeglądów, są zapraszani do innych programów, inaczej tematyzowanych, jakby byli „poprzypisywani“ do różnych estetyk czy sztuk, co pokazuje, że istnieje jakiś nasz wewnętrzny kod, jakieś wpływy, inna praktyka programowania albo patrzenia/widzenia.
Z drugiej strony w przestrzeni tańca współczesnego trudno jest mówić o tożsamości narodowej, ponieważ wywodzi się on z międzynarodowego dziedzictwa, ukonstytuowany przez amerykańskich tancerzy i tancerki na początku XX wieku, przedefiniowany przez międzynarodowych reformatorów z różnych krajów. Wielu polskich artystów wykształciło się głównie lub częściowo na zagranicznych uczelniach, często mieszkają poza Polską, albo po prostu mają „podwójne życie“, które rozumiem jako dzielenie czasu pomiędzy projekty realizowane w Polsce, albo/i zagranicą, gdzie spędzają połowę, a może większość swojego czasu.
Wielu z zaproszonych artystów pracowało z konstruktem polskości. Agata Maszkiewicz mówi o nim z perspektywy dobra narodowego i narodowej reprezentaci w sporcie ( mówi ironicznie). W inny sposób Wojtek Ziemilski pokazuje esencję polskości.
Z kolei, tytuł spektaklu Agaty Maszkiewicz „Taki pejzaż“ (Such a landscape) odnosi się do piosenki wykonywanej przez Ewę Demarczyk, która była członkinią Piwnicy pod Baranami, słynnego zespołu działającego w Krakowie. To jest mocne odniesienie do kontekstu kulturowego, ale przedstawienia da się przeczytać też w inny sposób bez wiedzy o Ewie Demarczyk.
Kontekst wystawienia spektaklu „This Is A Musical“ Karola Tymińskiego jest głęboko osadzony z sytuacją w Polsce. Jego przedstawienie było odwołane w kilku przestrzeniach performatywnych, ponieważ zostało odczytane jako kontrowersyjne, raniące uczucia. Po jego prezentacji w czasie Polskiej Platformy Tańca w 2017 roku, było wiele nieporozumień i zawirowań, jako komisja artystyczna PTT musieliśmy napisać wyjaśnienie dla lokalnego urzędu miasta), dlaczego ten artysta został zaproszony, ponieważ zostało zakwestionowane przez prawicowe środowiska czy forma uprawiania sztuki przez niego, jest nadal przejawem artyzmu. Właściwie to nie był jedyny raz kiedy Karol Tymiński musiał tłumaczyć się ze swoich artystycznych wyborów, niektórzy widzowie byli tak poruszeni, że żądali, aby wyjaśnił im, dlaczego używa takich a nie innych środków. W tym sensie jego sztuka miała niesamowite pole rażenia, niemniej jednak w tym samym czasie podczas ImPulsTanz w Wiedniu te same spektakle były bardzo docenione. Perspektywa patrzenia od środka i z zewnątrz może być zupełnie odmienna.


Knut Geißler:
How is this reflected in official cultural policy? How does all this influence the audience?


Anna Królica:
Ein Teil des polnischen Publikums ist skeptisch gegenüber Experimenten in Performance-Aufführungen, die mit Nacktheit arbeiten und das Thema Sexualität als solches berühren. Vielleicht ist unsere Gesellschaft eher konservativ, und rechtsgerichtete Stimmen werden immer lauter und dominanter. Es scheint, als würde sich die Kulturpolitik mehr auf das historische Erbe konzentrieren.
Część polskiej publiczności jest sceptyczna wobec eksperymentów w sztukach performatywnych wykorzystujących nagość i dotykających tematu seksualności jako takiej. Może nasze społeczeństwo jest bardziej konserwatywne, a głos prawicy coraz bardziej słyszalny i dominujący. Wydaje się, że polityka kulturalna jest intensywniej skoncentrowana na historycznym dziedzictwie.

Knut Geißler:
Are there certain tendencies and/or certain themes that are of particular interest to Polish artists at the moment?


Anna Królica:
In den letzten sieben Jahren konnten wir einen Boom beobachten, ein großes Interesse an zeitgenössischem Tanz in Polen. Die Choreographinnen und Choreographen bekamen nicht nur die Möglichkeit, in für den Tanz vorgesehenen Lokalitäten (und davon gab und gibt es gar nicht so viele) zu wirken, sondern auch in Theatern, Galerien und Museen. Davor existierten zeitgenössischer Tanz und neue Choreographie eher wie eine einsame Insel, ein bisschen isoliert. Gegenwärtig charakterisieren dynamische Veränderungen den polnischen Tanz, wovon die bloße Anzahl an Tanzpremieren, Festivals und anderen Projekten zeugt sowie auch die Vielfältigkeit der Ästhetik. Neben den großen Ensembles mit langer Tradition treten neue Tänzer und Choreograph:innen in Erscheinung, die als Freelancer tätig sind oder in Kollektiven zusammenarbeiten. Seit 2004 entwickelt sich eine neue Generation von Künstler:innen, die „Generation Solo“ genannt wird, (ich hatte ein wenig Einfluss darauf, die Wahrnehmung dieser Gruppe zu verstärken, indem ich Interviews mit deren Protagonisten veröffentlichte). Es handelt sich hierbei um Künstlerinnen und Künstler um die Dreißig, die oft eine hervorragende Ausbildung an den Zentren des Tanzes im Ausland absolviert haben und deren künstlerische Arbeit neue Tendenzen definiert. Die meisten von ihnen haben am Künstlerresidenz-Programm „Solo Project“ in der „Alten Brauerei Neuer Tanz“ in Poznań teilgenommen, das von Joanna Leśnierowska kuratiert wird. Von den Künstler:innen, die Sie zum Festival eingeladen haben, gehören dazu Renata Piotrowska-Auffret und Karol Tymiński. Diese verfolgen ein experimentelles Konzept, wenn es um Körper und Choreographie geht. Darüber hinaus interessieren sie sich für konzeptionelle Kunst und Minimalismus. Deutlich ausgedrückt: Sie sind näher am Stil von Xavier Le Roy als von Pina Bausch. Aber auch Fans und Nachahmer von Pina Bausch gibt es weiterhin genug in Polen.
Als Zuschauer konnten wir in den letzten Jahren Aufführungen erleben, die sich bemühten, eine feministische Perspektive zu kontextualisieren, eine Geschichte des Tanzes – der Remix-Zyklus (Re/MiX) mit Choreographie und Denkweise von Trisha Brown, Merce Cunningham, Anne Teresa Keersmaeker, also der größten Persönlichkeiten der Geschichte des modernen Tanzes. Und genau diese Gruppe forscht und äußert sich bezüglich ökologischer und posthumanistischer Themen sowie auch zur Gender- und Queer-Thematik.
Ostatnie siedem lat mogliśmy obserwować boom, wielkie zainteresowanie w stronę tańca współczesnego w Polsce. Choreografowie mieli możliwość tworzyć nie tylko z przestrzeniach dedykowanych tańcowi (a nie było ich aż tak wiele), a także w teatrach, galeriach i muzeach. Wcześniej taniec współczesny/ nowa choreografia egzystował bardziej jako samotna wyspa, trochę w izolacji.
Obecnie polski taniec charakteryzują dynamiczne zmiany, o czym świadczy sama liczba premier tanecznych, festiwali i innych projektów, a także rozwijająca się różnorodność estetyk na rynku. Oprócz dużych zespołów z długą tradycją, pojawiają się nowi tancerze i choreografowie, działający jako freelancerzy lub pracują w kolektywach. Od 2004 r. rozwija się nowe pokolenie artystów o nazwie „Pokolenie solo”, (miałam trochę wpływu na zmocnieniu widzialności tej grupy poprzez publikację wywiadów z jej przedstawicielami). Jest to pokolenie trzydziestolatków, często ze znakomitym wykształceniem za granicą w ośrodkach tańca, którego twórczość wyznacza nowe tendencje. Większość z nich odbyła rezydencję Solo Projekt w Starym Browarze Nowy Taniec w Poznaniu, gdzie kuratorem jest Joanna Leśnierowska. Do tej grupy należą Renata Piotrowska i Karol Tymiński, z twórców zaproszonych przez Ciebie do programu. Mają oni eksperymentalne podejście do ciała i choreografii oraz interesuje ich sztuką konceptualna, minimalizm. Mówiąc wyraziście: bliżej im do stylu Xaviera Le Roy niż Piny Bausch. Ale wielbiciel i naśladowców Piny Bausch w Polsce wciąż nie brakuje.
W ostatnich latach jako widzowie mogliśmy zobaczyć spektakl, które starają się kontekstualizować perspektywę feministyczną, historię tańca - odbył się bardzo ważny cykl remiksów (Re//MiX) choreografii i myślenia Trishy Brown, Merce Cunningham, Anny Teresy Keersmaeker - a więc najważniejszych osobowości z historii tańca współczesnego. Właściwie ta sama grupa poszukuje i wypowiada się w tematach ekologicznych, posthumanistycznych oraz dotyka tematykę gender i queer.


Knut Geißler:
You spoke on good artistic education, very often abroad, about international influences and work in international contexts. Would you dare to make a prognosis how contemporary dance in Poland could develop?


Anna Królica:
Ja, immer präsenter wird eine Generation von Tänzern und Choreograph:innen, die den ersten Fachbereich des Tanztheaters in Bytom absolviert hat, das eine Filiale der Akademie für Theaterkunst in Krakau ist, die dank der Initiative von Jacek Łumiński gegründet wurde. Die Absolventinnen und Absolventen dieser Hochschule schöpfen aus einer großen Bandbreite an Werkzeugen, die aus der Tradition des Theaters heraus entstanden sind, verwenden aber auch gern Techniken des Tanzes und Mittel oder Themen der Performance. Folgende Namen sollten hier genannt werden: Dominik Więcek, Daniela Komędera, Dominika Wiak, Piotr Wach, Helena Ganjalyan, Anna Kamińska, Patryk Durski und viele andere.
Tak, jest coraz bardziej widoczne pokolenie tancerzy i choreografów, absolwentów pierwszego wydziału - Departamentu Teatru Tańca w Bytomiu, będącego filią Akademii Sztuk Teatralnych w Krakowie. Powstał on dzięki inicjatywie Jacka Łumińskiego. Absolwenci tej uczelni korzystają z puli narzędzi, wywodzących się z tradycji teatralnej, ale chętnie wykorzystują też technikę taneczną i performatywne środki, tematy. Warto wśród artystów wymieni: Dominika Więcka, Danielę Komęderę, Dominikę Wiak, Piotra Wacha, Helenę Ganjalyan, Annę Kamińską i Patryka Durskiego oraz wielu innych.

Vita
Anna Królica was member of the Artistic Commission of the Polish Dance Platform in 2008, 2012 and 2017 and the head of the Programme „Council for Dance" in the Institute of Music and Dance in 2011–2013.

Anna Królica is author of „Pokolenie solo” (The Solo Generation, Cracow, 2013) and „Sztuka do odkrycia. Szkice o polskim tańcu” (An Art to Discover. Essays on Polish Dance, Tarnów, 2011).
She is editor and curator of the album „Nienasycenie spojrzenia: Fotografia tańca / The Insatiable Gaze: on Dance Photography", Tarnów-Warszawa, 2017.

Anna Królica has been curator and programmatic coordinator at the Polish Dance Theatre in Poznań (2017-2019).
Her major curatorial projects include:
„Piąta Strona Świata/ The Fith Part of the World", Warszawa, Scena Tańca Studio, 2018 (with Adam Kamiński); „Róbmy miłość a nie wojnę/ Make love not war", Warszawa, Scena Tańca Studio, 2017 (with Adam Kamiński); „Niech nie sczezną artytyści. Exchange“ (Let the artist not die. Exchange), Wrocław 2016 (with Adam Kamiński and Roma Janus); „Choreographic Machine/Maszyna Choreograficzna” and its follow-up „Schlemmer. Antologies" (2013-2016), developed at the „Centre for the Documentation of the Art of Tadeusz Kantor"; „From a Frog’s Perspective/ Z perspektywy żaby", (2015) and „Archive of the Body/ Archiwum Ciała” (2013) both at the CK Zamek, Culture Centre in Poznań.

Anna Królica is the author of several texts/critics about dance.
She collaborated with teatralny.pl, dwutygodnik.com, taniecpolska.pl, „Teatr”, „Didaskalia” and „Konteksty”.
Currently she is a guest lecturer at the „Institute of Theatre and Media Arts" of the Adam Mickiewicz University in Poznań.

Mapping Israel: Gespräch in der LVZ


Mit „Mapping Israel“ ist das diesjährige Off Europa-Festival überschrieben, welches heute Abend beginnt und für eine Woche ein üppiges Programm an Theater, Performance, Film und Musik, vor allem aber Tanz bereit hält. Und das einmal mehr nicht nur auf Leipziger Bühnen, sondern auch in Dresden und Chemnitz - und mit dem Fokus auf einem Land, dessen breite Wahrnehmung und Beurteilung in hohem Maße von politisch motivierten Emotionen und ideologischen Reflexen okkupiert ist. Dass es freilich auch anders, mithin differenzierter geht, zeigt jetzt „Mapping Israel“. Ein Gespräch mit Festivalleiter und Kurator Knut Geißler über Tanz, Politik, Schönheit und den unvoreingenommenen Blick.
Quelle: Leipziger Volkszeitung


Herr Geißler, Sie waren im Vorfeld zu Off Europa für drei längere Aufenthalte in Israel. Mit welcher Erwartungshaltung fährt man in so ein Land, zu dem ja jeder schon irgendwie eine Haltung zu haben scheint?
Knut Geißler: Ich muss sagen, ich war was Israel angeht vor allem neugierig und aufgeregt. Eine Erwartungshaltung in dem Sinne hatte ich tatsächlich nicht, bei keinem meiner Besuche dort. Hab ich aber auch sonst nie, wenn ich für Off Europa unterwegs bin. Mein Prinzip ist: Möglichst unvoreingenommen, mit offenen Augen und Ohren reisen und warten was passiert. Was einem begegnet, was man entdeckt. Wenn man das macht, schlägt Israel ziemlich zu.

Wo zuerst?
Knut Geißler: In Jerusalem, zur Jerusalem Dance Week. Die Ausstrahlungskraft dieser Stadt haut wahrscheinlich jeden Besucher zunächst um. Diese Ballung, auch an Konfrontation. Zwischen weltlich-religiös, ultraorthodox und liberal, jüdisch und arabisch, orientalisch und westlich. Und alles auf engstem Raum.

Spiegelt sich was von dieser konfrontativen Enge auch in den Arbeiten, die jetzt zum Festival zu sehen sind?
Knut Geißler: Ja. Wenn man etwa Tanzstücke wie „Rising“ oder „Habitat“ anschaut, lässt sich davon ganz klar etwas spüren. In „Habitat“ allein schon deshalb, weil die Tänzer Zuki Ringart und Uri Shafir gezielt Kontakt suchen, nah am Publikum agieren. „Rising“ wiederum ist eine Rückbesinnung auf kulturelle Wurzeln, im konkreten Fall auf die marokkanischen oder jemenitischen Einflüsse, die in Israel lange nicht wirklich wahrgenommen wurden.

Lange Zeit war Tanz in Israel ja eine vorrangig folkloristisch Angelegenheit der Traditionspflege. Inzwischen gehört das Land in punkto zeitgenössischem Tanz zur Weltspitze…
Knut Geißler: Es herrscht eine große Dynamik. Vor allem in der konsequenten Befragung des tänzerischen Körpers. Das hat was sehr vitales, packendes, manchmal was fast aggressives. Da spielt die gute Ausbildung mit hinein, die die Tänzerinnen und Tänzer in Israel bekommen - und an der sich wiederum der hohe Stellenwert zeigt den zeitgenössischer Tanz in dem Land hat.

Woher glauben Sie, rührt das?
Knut Geißler: Ich glaube, das hat dort wirklich was mit einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die damit begann, gezielt Fragen danach zu stellen, welche Identität man annimmt und wie man diese artikuliert. Über den Tanz lässt sich gut zeigen, was das meint: Denn wie ja schon gesagt - Tanz gab es in Israel über lange Zeit nur in einem vorrangig traditionell folkloristischen Kontext. Das hat sich stark geändert. Vor allem durch die Arbeit des Choreografen Ohad Naharin mit der Batsheva Dance Company. Da entstand eine völlig neue, heute in aller Welt gefeierte Bewegungssprache. Wie impulsgebend das war und ist, zeigt sich ja nicht zuletzt auch daran, wie viele interessante Künstler aus der Bathseva Dance Company bis heute hervorgehen. Wir starten das Festival also nicht umsonst mit „Mr. Gaga“, einem Dokumentarfilm über Ohad Naharin und seine Company.

Könnte diese Fixierung auf den Tanz auch eine Art Reaktion wider einer gerade ja im Jüdischen kulturell bedingten, extrem Identität konstituierenden „Oberhoheit“ des Wortes sein?
Knut Geißler: Das kann ich nicht beantworten. Aber ich habe eine Beobachtung gemacht- wenn man sich in Israel, zum Beispiel auf Festivals, mit Schriftstellern unterhält, merkt man sofort, die sind ganz klar und bewusst in ihren Vorstellungen und auch darin, wie sie die artikulieren. So, wie das auf ihre Art auch für die Tänzerinnen und Tänzer, für die Künstler überhaupt gilt. Und alle verstehen sich sehr stark als Israelis und Juden, diese Zusammengehörigkeit schwingt stets mit, wird stets mitgedacht. Wie kritisch auch immer.

Spielt da auch ein Bewusstsein von Stolz mit hinein?
Knut Geißler: Ich habe den Eindruck, die treffendere Kategorie ist eher ein Bewusstsein für Wehrhaftigkeit. Und ihre Notwendigkeit. Auch im Sinne eines selbstkritischen „Wir sind füreinander verantwortlich und wir müssen daran arbeiten, weniger Fehler zu machen.“ Das klingt zunächst seltsam wenn man zum Beispiel die Brutalität der Besatzungspolitik betrachtet, aber die Künstler sind eben nicht gleichzusetzen mit der Regierung.

Im Programmheft zum Festival ist von Ihnen der Satz zu lesen: Gute Kunst ist immer auch politisch. Wie explizit oder implizit zeigt sich das zu Mapping Israel?
Knut Geißler: Diese Festivalwoche zeichnet auf gewisse Weise auch meine Reise nach. Als all die Stationen dessen nämlich, was mir, wie ich eingangs schon sagte, dann in diesem Land passiert und begegnet ist; was es für mich dort zu entdecken gab. Wenn man so, will fängt das Festival explizit politisch an – und mündet am Ende in purer Schönheit.

Das Gespräch führte Steffen Georgi.

Open Hungary: Interview im Kreuzer 5/2018


Fragen von Jana Nowak und Antworten von Knut Geißler für ein Interview im Heft 5/2018 im Leipziger Kreuzer.

Nach Griechenland steht nun Ungarn im Zentrum – wieso haben Sie sich für dieses Land entschieden?
Knut Geißler: Ich hatte Ungarn, genauso wie zuvor Griechenland, eine Zeit lang vor mir her geschoben. Ich wollte mich sozusagen nicht reflexhaft darauf stürzen. Politische Entwicklungen gehen an den Künsten nicht spurlos vorbei - und manchmal ist es sinnvoll, etwas abzuwarten. Das politische Moment an Off Europa ist am Ehesten, dass es Beschäftigung mit etwas einleitet, dass ein Raum entsteht, der Begegnungen mit einem Land, einer bestimmten Situation, mit Künstlern ermöglicht.

Wie steht es um die Theaterschaffenden in Ungarn? Und im Hinblick darauf, dass fünf von sieben der geladenen Produktionen von Frauen stammen – wie ist es als Theatermacherin dort zu arbeiten?
Knut Geißler: Die Regierung Orbán, und ihre Kulturpolitik, ist auch für Ungarn, die diese ablehnen, nun mal Realität. Es gab viel versuchte Einflussnahme, auf Orte, über neu eingesetzte Personen, und auf der anderen Seite gab es natürlich Widerstand. Eine ganze Generation Theatermacher hat sich an diesen Umständen abgearbeitet, im Moment ist es etwas ruhiger geworden. Die ungarischen Stadttheater stehen natürlich unter deutlich größerem Druck, unter anderer Beobachtung als Künstler, die in freien Konstellationen arbeiten. In diesem Bereich, der überschaubar ist und für eine Regierung wohl auch nicht sonderlich gefährlich, war formal und inhaltlich schon immer mehr möglich. Wie auch diese starken Frauen. Nach denen ich nicht explizit gesucht hatte. Wahrscheinlich ist ein weiblicher Blick auf eine sich „männlich“ gebärdende Gesellschaft immer interessant und ergiebig. Das war bei Off Europa 2012 im Falle der Türkei ähnlich zu beobachten.

Welche Erfahrungen werden in den Arbeiten thematisiert?
Knut Geißler: Die Inszenierung „Magyar akác“ (Ungarische Akazie) zum Beispiel ist hoch politisch, eine Theaterarbeit, die klug und frech und böse mit den Widersprüchen ungarischer Gegenwart spielt. Oder Valencia James, die als farbige Frau, als in Ungarn „fremd“ empfundener Körper, diese Ablehnung thematisiert. Die Choreographin Adrienn Hód dagegen verweigert sich einer Beschreibung von äußeren Umständen in ihren Arbeiten komplett und zeigt ihre Tänzer als entfesselt, entgrenzt handelnde Individuen.

Wollen Sie ein Bewusstsein schaffen für eine andere Seite Ungarns?
Knut Geißler: Mich interessieren Kulturräume. In diesem Sinne wäre es auch möglich gewesen, Ungarn aus der Slowakei oder Ungarn aus Rumänien mit in das Programm zu nehmen. Aber Ihre Frage weist in die entscheidende Richtung: Ich wollte eben jenen politisch etwas verfemten Staat Ungarn näher beleuchten. Über Menschen, die ihn auf eine andere, auf ihre Weise repräsentieren. Das heißt nicht, dass Politik dadurch ausgeblendet sein wird. Es wird viel zu erfahren sein, es lässt sich vieles hören und manches sehen. Und es wird jederzeit möglich sein, nachzufragen.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Festival kuratiert? Gab es besondere Schwerpunkte?
Knut Geißler: Niemand kann ein Experte für dutzende von Ländern sein. Kuratieren ist so ein Angeberbegriff, ich sehe mich eher als Programmmacher. Im besten Fall kann ich Interesse wecken und Angebote schaffen. Ich bin schlicht neugierig und beharrlich, und versuche bei meinen Recherchen offen zu sein. Ich möchte lernen, entdecken - und diese Entdeckungen teilen. Ich glaube an gute, mutige, interessante Künstler und ihre Arbeiten. Und an ein Publikum das sich für sie interessiert.

26 Jahre Off Europa, 16 Länderschwerpunkte – worauf blicken Sie zurück?
Knut Geißler: Zuletzt waren es zehn Länderschwerpunkte hintereinander, das ist schon ziemlicher Wahnsinn. Von einem Sehnsuchtsland sofort hinein in den nächsten Tunnelblick. Ich bin sehr froh, dass sich die Szene der zeitgenössischen darstellenden Kunst, mit Live Art und Autorentheater, Performance und Tanz im internationalen Maßstab in den letzten Jahren so stark entwickeln konnte, dass Vernetzung und Austausch gut funktionieren. Und dass wir mit diesem speziellen Festival auf dieser Landkarte weiterhin vorkommen.

Interview im Magazin "Dresdner"


Material zu einem Interview mit Festivalleiter Knut Geißler für das Stadtmagazin "Dresdner".

Sind Sie der alleinige Organisator des Festivals? Obliegt Ihnen die Auswahl und Koordination der Beiträge?
Knut Geißler: Veranstalter von Off Europa ist das Büro für Off-Theater, dessen Geschäftsführer ich bin. Meine Hauptarbeit ist das Festival. Natürlich gibt es ein paar Personen im Umfeld, Berater, Ideengeber, und ein paar Mitarbeiter in den Tagen der Durchführung, aber im Wesentlichen arbeite ich allein. Entscheide über die Ausrichtung, reise, wähle aus und organisiere.

Monocrossing female dancer by Iosif Astrukov
Foto aus Monocrossing, am 24. September im Societaetstheater © Iosif Astrukov

Was ist für Sie das Besondere an der bulgarischen Theater-/Film-/Performancekunst? Was unterscheidet also das Off Europa dieses Jahr von den vergangenen Jahren...
Knut Geißler: Bulgarien ist natürlich anders als die Türkei oder die Slowakei. Die Bedingungen, die Art der Zusammenarbeit, die Themen mit denen Künstler sich beschäftigen. Meine Arbeit, besondere Qualitäten, die interessantesten Künstler aufzuspüren, beginnt unter neuen Vorzeichen jedes Jahr von vorn, ist ein tiefes Eintauchen in einen fremden Kosmos. Prinzipiell aber gibt es wenig Unterschiede zu anderen Ländern der Region, oder zwischen Städten wie Sofia, Bukarest oder Belgrad. Man kennt sich, trifft sich bei vielen Gelegenheiten, ist gut vernetzt. Es gibt viel Bewegung weil ständig Leute ins Ausland wechseln oder von dort nach Bulgarien zurück kehren. Das mischt die Konstellationen permanent. Und hält durch vielfältigste Einflüsse die Qualität hoch. Man hat weniger Geld als in Mitteleuropa, klar, muss also etwas mehr improvisieren. Aber gerade das atmet große Freiheit. Und hilft oft eine andere Art von Selbstbewusstsein und Persönlichkeit zu entwickeln.

Gibt es im Programm thematisch einen „roten Faden", oder ein Kriterium, nach dem in diesem Jahr die Beiträge ausgewählt wurden?
Knut Geißler: Ein solches Programm in einer Bandbreite von experimentellem Tanz bis Dokumentarfilm balanciert sich durch die Auswahl komischerweise beinahe von selbst aus. Weil man natürlich nichts einlädt was nicht zeigenswert wäre. Die Auswahl ist eine Abwägung: Was ist auffällig, was kann etwas erzählen, zeigt etwas über das Land, die Umstände dort? Was davon ist außerhalb Bulgariens nachempfindbar? Auch weil es bei mancher Produktion Sprach- oder Verständigungsbarrieren gibt oder sie zum ersten Mal nach Westeuropa reist. Das geht bis hin zu Unterschieden in der Rezeption in Leipzig und Dresden. In Dresden haben wir sechs Tage Programm. Und neben Gesprächen, Musik und Filmabend sechs Aufführungen an Theater, Tanz, Performance.

Was sind Ihre persönlichen Highlights unter den Darbietungen? Haben Sie besondere Empfehlungen?
Knut Geißler: Da sind meine Vorlieben sicher nicht entscheidend. Zuschauer sollten sich am Ehesten an den Genres orientieren. Als Soloperformer immer interessant, anregend und provokant ist Ivo Dimchev. Für Liebhaber reinen Tanzes empfiehlt sich „Monocrossing“ von Derida Dance. Eher experimentell, aber auch augenzwinkernd sind die Aufführungen der Teams von Irina Goleva und Willy Prager. Über Menschen im heutigen Bulgarien erzählt am meisten das Dokumentartheater von Vox Populi.

Wie würden Sie das Ziel Ihres Festivals definieren? Was soll dem Zuschauer vermittelt/in ihm bewegt werden?
Knut Geißler: Im Mittelpunkt stehen zunächst die Länder. Über die im Detail nur wenige Leute etwas wissen und über die bei uns wenig zu erfahren ist. Und die Künstler dort, die durch oft oberflächlich operierende internationale Gastspiel-Netzwerke kaum Chancen haben entdeckt oder auch nur wahrgenommen zu werden. Es ist mir wichtig, dass diese Künstler eine Möglichkeit bekommen sich in Mitteleuropa zu zeigen. Das geht immer etwas unter, aber wir, also Off Europa und damit Leipzig und Dresden, waren in vielen Fällen eine Art Sprungbrett oder Katalysator für internationale Beachtung. Dass eine solche Präsentation gleichermaßen interessant für einheimische Theaterschaffende und Zuschauer ist liegt auf der Hand. Wir reden von sehr gut ausgebildeten, selbstbewussten Künstlern aus größeren Städten als Leipzig und Dresden.

Gibt es in Dresden etwas zu sehen, was in Leipzig nicht aufgeführt wird?
Knut Geißler: Das Programm in Dresden ist zumeist ein wenig kleiner, allein schon weil wir in Leipzig mit zwei Filmkunsthäusern zusammenarbeiten. Eines davon gestaltet einen Abend mit Filmen aus Bulgarien in eigener Verantwortung und Regie. Diese Filme wird es in Dresden nicht geben. Eine Vorstellung immerhin gibt es in Dresden exklusiv: Der Performer Ivo Dimchev reaktiviert für das Societaetstheater sein autobiographisches Stück „Som Faves“. Das wurde vor beeindrucktem Publikum vor einigen Jahren bei der Leipziger „euro-scene“ gezeigt. Für Dresden holen wir das jetzt quasi nach.

Würden Sie sagen, dass das Dresdner Publikum aufgeschlossen gegenüber der osteuropäischen Kunst ist oder gibt es da Nachholbedarf? Gab es einen besonderen Grund oder Anlass, das Festival 2008 auch auf Dresden auszudehnen?
Knut Geißler: In Leipzig ist Off Europa etabliert. Das heißt die Leute reagieren zuverlässig darauf. Und die Hauptspielstätte LOFFT ist ein anerkannt guter Ort für diese Art von zeitgenössischer Kunst. Auch wenn natürlich nicht jeder, der Interesse an beispielsweise Georgien hat, nach drei Jahren zu einer Tanzperformance aus Bosnien wiederkommt. Auf Dresden auszudehnen war ein alter Wunsch. Die Arbeit wurde etwas nachhaltiger. Schließlich bedeutet es einen gewissen Aufwand eine Karawane von etwa 40, 50 Künstlern in Bewegung zu setzen. Mittlerweile haben die Künstler mehrere Auftritte. Auch schon in Chemnitz wenn es sich anbot. Die Neugier in Dresden war in den ersten Jahren erfreulich groß. Das hatte zuletzt leider etwas nachgelassen. Vielleicht wird Off Europa in Dresden immer noch etwas als Fremdkörper wahrgenommen. Ein ganzes Festival zu Gast, das bedeutet vielleicht auch ein Vermittlungsproblem, aber ich denke Off Europa ist seit 2008 eine große Bereicherung für den Theateralltag in der Stadt. Einer Stadt, die traditionell eine besser entwickelte Beziehung zu Osteuropa hat als zum Beispiel Leipzig.

Die Fragen stellte Willy Barthold.

Zu Gast bei der Sofia Dance Week


Interview mit Knut Geißler für die bulgarische Webseite dramaturgynew.net, einer Plattform für Kritik und Theorie der darstellenden Künste, anlässlich der Sofia Dance Week" im Oktober 2013

Können Sie sich kurz vorstellen?
Knut Geißler: Off Europa, das Festival für das ich arbeite, ist in jedem Jahr einem anderen Land gewidmet. Im Herbst 2014 ist ein Blick auf die zeitgenössische darstellende Kunst Bulgariens geplant.

Wie viele und welche Aufführungen werden Sie einladen?
Knut Geißler: Wir werden fünf oder sechs Tage Programm haben, und so vielleicht sieben oder acht Aufführungen einladen. Aber nicht nur Tanz. Wie in jedem Jahr werden wir versuchen, ein ausbalanciertes Programm mit Beispielen von hoher Qualität aus der gesamten Landschaft zeitgenössischer darstellender Kunst eines Landes zu präsentieren. Kurz nach Beginn unserer Recherchen ist es noch zu früh zu wissen, was passieren wird. Aber egal: Etliche bulgarische Künstler werden die Möglichkeit haben, ihre Arbeit(en) im Ausland zu zeigen und Publikum in zwei deutschen Städten wird einen Eindruck von zeitgenössischem Theater aus Bulgarien bekommen können. Beides ist einfach wichtig.

Wie würden Sie das Programm der bulgarischen Plattform auf der Sofia Dance Week einschätzen? Haben Sie etwas gesehen, was Sie beeindruckt hat?
Knut Geißler: Natürlich war das Programm eine ausgezeichnete Gelegenheit eine große Breite an Arbeiten sehen zu können. In Verbindung mit dem Präsentationen am zweiten Tag ergab sich ein aussagekräftiges Bild über den zeitgenössischen Tanz in Bulgarien. Für mich am Interessantesten waren die kleineren, eher persönlichen Arbeiten von Iva Sveshtarova und Violeta Vitanova oder Martin Penev. Wobei gerade diese etwas unter den zu großen Aufführungsorten zu leiden hatten.

Violeta
Violeta Vitanova in „а(е)фектно"
Foto © Phelia Barouh / Sofia Dance Week

Sie reisen viel; können Sie einen Vergleich des bulgarischen Tanzes mit dem machen was Sie sonst so sehen?
Knut Geißler: Eine Arbeit wie „Monocrossing” ist von hohem internationalen Standard, dabei aber kaum mehr als bulgarisch zu identifizieren. Während man über so etwas wie „Ballet Arabesque” besser nicht reden sollte. Solche „Kunstausübungen” von irgendwie zusammengecasteten Tänzern gibt es auf der ganzen Welt. Vielleicht fehlte im Programm ein Künstler wie Willy Prager, der sich etwas mehr über Inhalte definiert. Ein Sonderfall ist natürlich Ivo Dimchev, der in der internationalen Performance-Szene schon seit Jahren eine Art Ikone ist. Was für ihn wahrscheinlich eine anhaltende Herausforderung darstellt.

Sie haben Ivo Dimchevs Aufführung auch in Deutschland gesehen, gibt es einen Unterschied in der Rezeption zwischen dort und hier?
Knut Geißler: Ich sah bisher nur „Concerto” und „I-on”. Über „P-Project” hatte ich einiges gelesen aber konnte mir zunächst nur wenig darunter vorstellen. Nun sah ich es in Sofia, und verstand kein einziges Wort. Was immer sehr schön ist - weil man sich auf das Beobachten konzentrieren kann. Natürlich ist das Stück sehr spielerisch, aber ich denke in Westeuropa wirkt es sicher abstrakter. Wie eine Reflektion über, eine Übung von Kunst; eine Art Lehrstunde zu Verführung und Exibitionismus. In Sofia war die Situation etwas anders. Bei allem Abstand nach Jahren im Ausland wirkte Ivo Dimchev so als sei er „zu Hause” angekommen. Und was er tat, und was passierte, war mindestens so attraktiv wie gefährlich: als „einer von ihnen” konnte er auf gute Kooperation mit „normalen” Zuschauern und „Bewunderern” vertrauen - aber die mussten sich vorzeigen - und also messen lassen. Das war in einer solch besonderen Binnenumgebung sicher anders als in einer „normalen” Aufführungssituation irgendwo auf dieser Welt. Weniger abstrakt und damit wahrhaftiger, aber eben auch fragiler. An eine Arbeit wie diese wird man sich sicher lange erinnern.

Die Fragen stellte Albena Tagareva.
Zur Webseite, zum Interview auf bulgarisch, gelangen Sie hier...

Interview für die Theaterzeitschrift kød


Interview mit Knut Geißler in der Septemberausgabe der slowakischen Theaterzeitschift kød - konkrétne o divadle", Bratislava

Stellen Sie uns die Biografie des Festivals Off Europa vor. Wann und wie ist es entstanden, wie sah es ganz am Anfang aus? Welche Vision und Ambitionen hatten Sie bei seiner Gründung?
Knut Geißler: Gegründet 1992 in Leipzig, damals noch unter dem Namen MANöVER, war es in den ersten beiden Jahren ein „normales“ Theaterfestival, hielt Ausschau nach beispielhaften Inszenierungen aus dem nichtinstitutionellen Bereich. Nicht nur einfach um nach dem politischen und kulturellen Neuanfang zu Beginn der Neunziger Jahre Theater in die Stadt zu holen, auch für uns selbst als Theatermacher als Horizonterweiterung. Seit 1995 begannen wir im Jahreswechsel deutsche und spezielle internationale Ausgaben zu machen. Das hielt bis 2005, dann fand ich Deutschland nicht mehr so interessant. Nach einigem hin und her, nach finanziell mageren Jahren gelang es 2008 das Festival unter neuem Namen auf Dresden auszudehnen, und seitdem gibt es nur noch internationale Ausgaben. Zuletzt unter anderem Bosnien-Herzegowina, Albanien/Kosovo und die Türkei,.

Ihr Festival präsentiert jedes Jahr das Schaffen und Künstler aus einem ausgewählten Land, und zwar die Formen seines performativen Theaters und Tanztheaters. Was macht für Sie genau diese Art des Theaters zu etwas einzigartigem?
Knut Geißler: Man wählt natürlich immer an Hand dessen, was man vorfindet. Dabei ist Sprechtheater nie ausgeschlossen. Es muss nur - allgemein gesagt - transferierbar sein, und für das Publikum einzuordnen und wertzuschätzen. Am Tanz, oder auch an eher performativen, kleineren Theaterformen schätze ich insbesondere dass der Schaffensprozess, die Kreation ablesbar, erlebbar wird, und der/die Schöpfer zumeist auch anwesend sind. Man könnte bildhaft beschreiben dass man als Zuschauer „unmittelbar vor dem Risiko“ sitzt. Das ist oftmals sehr spannend.

Sie stellen das Programm des Festivals selbst und allein zusammen, dadurch dass Sie das Land, seine Theatermacher und deren Schaffen persönlich kennenlernen. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich beim Auswahlverfahren der Produktionen?
Knut Geißler: Ich glaube das ist ähnlich wie bei einer Kunstsammlung. Man saugt sich eine Zeit lang voll mit Informationen, Eindrücken, Begegnungen - um dann mit diesem Hintergrundwissen die Ergebnisse, also die (hier Bühnen-)Arbeiten anzuordnen. Da wird immer einiges nicht möglich sein, also auch immer etwas fehlen, und weil die Auswahl subjektiv erfolgt wird es auch nie eine komplette Bestandsaufnahme sein können; aber immerhin ein Schlaglicht, ein lebendiger Ausriss dessen, was existiert und von hohem Wert ist.

Konsultieren Sie Ihre Auswahl der Produktionen mit jemandem, der sich im Kontext und Hintergrund der Theaterszene des Landes auskennt?
Knut Geißler: Natürlich. Journalisten, Mitarbeiter von Veranstaltungsorten, das Theaterinstitut falls es so etwas gibt... das sind die ersten Kontaktaufnahmen, und die ersten - machmal auch versteckten - Verhöre über Orte und Arbeitsbedingungen, über Künstler und ihre Arbeitsbiographien.

Sind Sie bei der Auswahl der Produktionen mit etwas begrenzt?
Knut Geißler: Off Europa ist ein spezielles Vorhaben, mit einem für Deutschland sehr kleinem Etat. Die „euro-scene“, das andere Leipziger Festival, das letztlich ganz normal am Markt unterwegs ist, in diesem Karussell artigen internationalen Festivalbetrieb, hat beinahe das zwanzigfache an Budget. Den geringen finanziellen Möglichkeiten geschuldet ist dass ich überwiegend allein arbeite. Die größte Einschränkung aber ist, dass die Räume auf die wir zugreifen können nicht alles ermöglichen. In Leipzig lassen sich meist Alternativen finden, dort ist Off Europa immer an verschiedenen Orten, mit verschiedenen Größen und unterschiedlichster Ausstrahlung. In Dresden, wo ich selbst nur Gast bin, ist es schwieriger neben dem Societaetstheater, wo beide Bühnen etwas kleiner sind, noch weitere Räume zu finden.

Im Rahmen des Festivals präsentieren Sie die slowakischen Darsteller und Tänzer, die in der Slowakei tätig sind und gleichzeitig diejenigen, die schon im Ausland Zuhause sind. Spiegelt sich dieser geografische Unterschied in ihrem Schaffen wider?
Knut Geißler: Um das zunächst für die Türkei zu beantworten: In diesem Fall war das deutlich so. Die in Mitteleuropa arbeitenden Künstler waren mehr auf sich selbst fokussiert, auch auf ihre theatrale Form; nicht dass sie völlig unpolitisch waren, aber der Spirit, die Kraft von Istanbul fand sich in ihren Arbeiten nicht. Im Falle der Slowakei denke ich sind die Unterscheide nicht so groß, die im Land arbeitenden Künstler wirken etwas verankerter, eingebettet in einem über das Land gewobene Netz von Veranstaltungsorten und Künstlerkollegen. Die ich im übrigen immer sehr aufgeschlossen, sehr neugierig auf die Arbeiten von Kollegen erlebt habe, was nicht in jedem Land so selbstverständlich ist.

Jährlich bringen Sie dem deutschen Publikum das Schaffen, Erfahrungen und Aussagen der Theatermacher und Tänzer aus der Region, die östlich von Ihrem Land liegt. Interessiert sich das deutsche (d.h. westliche) Publikum (Experten als auch Laien) noch immer für uns?
Knut Geißler: Ich empfinde vor allem Kollegen, also Veranstalter, Künstler, und auch die Medien als ziemlich ignorant dem Osten gegenüber. Nach wie vor ist das was ich tue exotisch in deren Augen. Dabei gibt es kaum etwas Spannenderes als neugierig zu sein, Dinge zu entdecken, die nicht so „naheliegend“ sind. Beim Publikum ist das etwas zu beeinflussen, zu steuern, denke ich. Mit einem interessanten Programm und gelungener Kommunikation kann man potentielle Zuschauer durchaus motivieren. Eine grundsätzliche Neugier und Aufgeschlossenheit aber gibt es auch hier nicht. Das endete in Leipzig abrupt bereits so um 1995. Wobei das für Gastspiele aus dem Westen nicht viel anderes ist. Das Theater mag nicht tot sein, aber es hat an Bedeutung verloren.

Meiner Wahrnehmung nach ist die Slowakei, d.h. auch die slowakische Kunst und Künstler in Deutschland kaum präsent und zu sehen. Auf der einen Seite fehlt uns der Kontext einer unmittelbaren gemeinsamen Geschichte, die z.B. Polen oder Tschechien haben, auf der anderen Seite sind wir nicht genug „exotisch“ wie die Balkanländer oder die Ukraine. Empfinden auch Sie die Abwesenheit der Slowakei in kulturellen und interkulturellen Projekten? Und warum ist das aus Ihrer Sicht so?
Knut Geißler: Es gibt kaum nachhaltige Partnerschaft(en). Und so ist das immer wie ein kurzes Zucken. Durch die Kulturhauptstadt Košice ist die Slowakei in diesem Jahr in ganz Europa etwas präsenter. Auch in Leipzig. Mit ein paar Residenzen von bildenden Künstlern, ein kleiner Film hier, ein Kammerkonzert da. In Deutschland, auch in der Förderung von Kultur allgemein, erleben wir eine extreme Fixierung auf events. Wagner-Jahr, Jubiläum der Völkerschlacht. Es fließt irgend welches Geld - und viele Künstler erfinden Arbeiten für solche Anlässe. Die ich als losgelöst vom Leben und somit verlogen und langweilig empfinde.

Welche Klischees über die Kunst und Künstler aus Osteuropa haben Sie in der Slowakei gefunden?
Knut Geißler: Dazu kann ich wenig sagen. Ich suche und finde im günstigen Fall immer Individuen und damit Vielfalt. Unterschiedliche Handschriften, Arbeitsweisen, Mentalitäten. Ich sehe und achte die Künstler als Menschen. Weniger als Angehörige einer Nation.

Wo sehen Sie das Potential der slowakischen Darsteller und Tänzer, bzw. unserer Tanzszene und Szene des performativen Theaters?
Knut Geißler: Wenn es keine Qualität gäbe, und nicht einen gewissen Ruf, eine gewisse Ausstrahlung, hätte ich die Slowakei nicht in Erwägung gezogen. So blöd, simpel, abgekaut das klingt: Wichtig ist immer Vernetzung. Und dabei haben Veranstalter, auch Kulturfunktionäre - bis hin zu Ihrer Regierung - eine hohe Verantwortung. Nicht zu verkaufen, sondern Öffentlichkeit zu schaffen - und Rahmenbedingungen die Arbeit und Austausch ermöglichen und befördern. Irgendwie bin auch ich immer für ein Jahr eine Art Kulturbotschafter der jeweiligen Länder.

Würden Sie etwas als das typische bzw. gemeinsame für das slowakische Off-Theater deuten?
Knut Geißler: Der Ruf von dem ich zuvor sprach ist - oberflächlich wiedergegeben - „es gibt da gute Performer“. Das kann ich mittlerweile klar bestätigen. Bei den ausgewählten Arbeiten existieren Kraft und Leidenschaft neben Genauigkeit und - man kann durchaus sagen - Disziplin. Die wahrscheinlich auch guten Dramaturg(i)en zu verdanken ist.

Was halten Sie für das Authentische im Rahmen der Kunst? Haben Sie innerhalb der slowakischen Szene etwas gefunden, das Sie als authentisch bezeichnen würden?
Knut Geißler: Für mich ist das Authentische wenn der Künstler nicht hinter seinem Werk verschwindet. Er mag darin aufgehen, aber ich möchte ihn (wieder)erkennen. Für Off Europa bedeutet Authentizität vor allem, dass ich mir alle aus der Slowakei eingeladenen Arbeiten nicht losgelöst von ihren Entstehungsorten vorstellen kann. Auch deshalb halte ich die gastierenden Künstler für relevant und fähig, ihr Land zu (re)präsentieren.

Wie könnte das Motto des diesjährigen Festivals „Off Europa: Perform Slovakia“ lauten?
Knut Geißler: Das Motto ist in jedem Jahr das gleiche: „Sieht dir die Leute an. Du bist reicher danach.“

Die Fragen stellte Katarina Weissová.

Interview mit Sláva Daubnerová


Ab 9. September Dokumentar- und Spielfilme in der Kinobar Prager Frühling, vom 14. bis 20. September zeitgenössisches Theater und Tanz in UT Connewitz, in der naTo und im LOFFT; die diesjährige Ausgabe des Festivals „Off Europa“ steht ganz im Zeichen der Slowakei. Eine der schillerndsten Gäste wird die Schauspielerin und Regisseurin Sláva Daubnerová aus Bratislava sein.
Festivalleiter Knut Geißler hat sich für die L-IZ mit der Künstlerin unterhalten.


Sie sprechen sehr gut Deutsch. Was verbindet Sie mit Deutschland, mit seiner Kultur?
Sláva Daubnerová: Meine Großmutter sprach Deutsch, außerdem auch Französisch und Latein; sie war eine der wenigen Mädchen am Gymnasium in Prievidza. Prievidza ist eine kleine Stadt in der Mitte der Slowakei. Eigentlich kommt meine Großmutter aus Handlová, einer noch kleineren Stadt oberhalb in den Bergen, und ihr Vater war Bergmann. Bis heute leben dort viele Karpatendeutsche. Und auch meine Familie hat sicher irgendwelche deutsche Wurzeln. Also, meine Großmutter hat mir Deutsch beigebracht. Dann habe ich auf dem Gymnasium eine deutsche Klasse besucht und die mit einem Sprachdiplom des Bundeskulturministeriums beendet. Toll war, dass wir deutsche Lektoren hatten und uns sehr viel mit Literatur beschäftigt haben, mit deutschem Drama und auch mit Filmen.
Kurz nach Öffnung der Grenze war eine Schülerin aus Westdeutschland über einem Austausch in unserer Familie. Das Mädchen war ziemlich am Ende, sie hat nichts gegessen, und hat sich auch die ganze Woche lang nicht gewaschen weil sie wahrscheinlich dachte das Wasser wäre irgendwie anders. Ihre größte Überraschung war, dass wir eine Waschmaschine hatten. Nach 1989 bekamen wir Satellitenfernsehen, plötzlich war da nicht nur mehr ein Sender, sondern ein Meer von ausländischen Kanälen. Ich habe sehr viel MTV, RTL, Pro7 gesehen und dadurch viel Deutsch gehört. Dann gab es eine längere Pause. Zur deutschen Sprache bin ich erst wieder zurückgekehrt als ich „Hamletmaschine“ gemacht habe. Ich denke die deutsche Theatertradition, mit Brecht und dem politischen Theater, aber auch das heutige Doku-Theater, ist sehr speziell, aber auch sehr attraktiv für andere Länder. Dieser Einfluss ist eher in Tschechien sichtbar als in der Slowakei, aber auch hier gibt es ein paar Regisseure, die das deutsches Theater beeinflusst hat. Das slowakische Theater ist ansonsten immer noch mehr am Naturalismus und an der Methodik von Stanislavski orientiert.

Ein Solo nach Heiner Müllers „Hamletmaschine”... das wäre in Deutschland in jedem Fall eine große Herausforderung, nicht nur für den jeweiligen Darsteller, die Darstellerin, auch für das Publikum. Wie muss man sich das vorstellen... da entert eine junge Schauspielerin die Bühne in einer slowakischen Kleinstadt mit einem sehr deutschen, sehr wuchtigen und dabei zweifelnden Text, verfasst von einem hoch politischen, mittelalten, ostdeutschen Dichter?
Sláva Daubnerová: Ich habe Kulturwissenschaft studiert und Theater am Anfang immer nebenbei gemacht. „Hamletmaschine“ war voll von Fragen die mich quälten, insofern war das für mich sehr persönlich. Mein damaliger Freund, ein Punk, hatte das Buch, eine Sammlung mit Texten von Heiner Müller, in einer Buchhandlung in Žilina gestohlen. Er wusste nichts über den Autor, aber er war überzeugt dass ich es mögen würde weil es „ziemlich düster“ wäre. Ich mochte es tatsächlich sofort, insbesondere „Hamletmaschine“, weil es ohne Rollenzuschreibung war, weil es wie Poesie klang - und es war sehr musikalisch. Und ich fand eine Radioversion davon von den „Einstürzenden Neubauten“; ich war immer sehr beeinflusst von „industrial music“, ich musste es einfach machen. In dem Text ist so viel drin, dass er mich bis heute inspiriert. Ob ich ein Stück über männliche Identität im 21. Jahrhundert mache oder ein Solo über den slowakischen Nationalaufstand von 1944 schreibe, für beides ist „Hamletmaschine“ sehr interessant. Die Reaktionen von den Theaterleuten waren dann eher kühl. Bei bildenden Künstlern war die Annahme besser. Ähnlich war es auch mit „Some Disordered Interior Geometries“ nach Gedichten von Inge und Heiner Müller. Ich denke, das Problem war das völlig fremde Material – und mein freier Umgang damit.

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Quelle: www.l-iz.de

Interview für den Leipziger Kreuzer


Antworten auf Fragen von Torben Ibs an Knut Geißler im Zusammenhang mit einem Artikel im Septemberheft des Leipziger Kreuzer...

Was treibt dich an, jedes Jahr durch entlegene Regionen zu ziehen, um Theater zu schauen?
Knut Geißler: So entlegen ist das ja meistens gar nicht. Mir geht es darum eine Balance zu finden, nicht nur für das Festival, auch für mich selbst. Natürlich trieb mich die Neugier nach Albanien, in das Kosovo oder vor zehn Jahren nach Serbien. Aber ebenso möchte ich das wenig bekannte Naheliegende entdecken wie demnächst die Slowakei oder vor zwei Jahren die Tschechische Republik. Damals hatte ich im Programmheft geschrieben dass es bei wirklichem Interesse an darstellender Kunst nicht immer Berlin sein muss. Großartiges Theater, jede Menge guten Tanz findet man praktisch um die Ecke auch in Prag.
Abgesehen davon macht es Spaß, einmal im Jahr eine Art theatrales National-Team präsentieren zu können.

Stanica 2
Stanica 2, ein Theaterneubau aus Bierkisten, Stroh und Lehm im slowakischen Žilina.

Was war dein skurrilstes Erlebnis, deine seltsamste Performance, der ungewöhnlichste Ort?
Knut Geißler: Einer der schönsten Momente war 1999 als die Techniker eines rumänischen Stadttheaters auf dem Gelände von KAOS in Lindenau in zwei Tagen eine Art Arche gebaut haben. Jeden Nagel, jedes Stück Draht hatten die dabei. Bei der dritten Aufführung waren so viele Zuschauer an Bord, dass die schwimmende Bühne beinahe untergegangen wäre. Gefunden hatten wir die Inszenierung in einem früheren Ceauşescu-Refugium am Rande der Ostkarpaten wo Zimmermädchen und Köche für den Regierungschef permanent in Bereitschaft waren, er aber der Legende zu Folge niemals dort auftauchte.

Welches Land, das jetzt nicht in den klassischen Rahmen fällt, würdest du gerne mal besuchen und zu „Off Europa“ holen?
Knut Geißler: Ich will nicht so weit gehen zu behaupten dass mir das Land egal ist. Aber ich mag vor allem den Vorgang der Tiefenforschung. Bei fast „null“ anzufangen und dann Schritt für Schritt Leute, Orte, Rahmenbedingungen, Inszenierungen kennenzulernen. Europa muss ich dabei nicht verlassen. Da warten noch Länder wie die Ukraine oder Weißrussland. Aber solch eine Recherche riecht nach anderthalb bis zwei Jahren. Und die habe ich - allein, mit stark begrenztem Budget – eigentlich nicht.

Was für ein Theater gefällt dir in Deutschland?
Knut Geißler: Es gab ja in einundzwanzig Jahren MANöVER / Off Europa immerhin fünf deutsche Ausgaben. Und da erschienen Künstler wie Stefan Pucher, Albrecht Hirche, Sebastian Hartmann oder „She She Pop“ Jahre bevor sie richtig bekannt wurden. Im Moment fehlt mir für Theater aus Deutschland jegliche Leidenschaft. Das Festival hat ja nicht ohne Grund seinen Namen geändert. Mich interessiert nicht was man überall kriegen kann, sondern das, was man findet wenn man sucht. Im Off, am Rand. Und ich weiß nicht, ob es in Deutschland so etwas Kraftvolles gibt wie Belgrads „Plavo pozorište“, etwas schräg Verspieltes wie Handa Gote aus Prag oder um auf dieses Jahr zu kommen so etwas Intensives wie Çağlar Yiğitoğulları oder „oyun deposu“ aus Istanbul.

Wenn du nicht gerade Festivals planst, was sind deine Hobbys und Betätigungen?
Knut Geißler: Ich plane immer Festivals. Scheint Arbeit, Leben und Hobby zu sein. Aber nein. Ich würde gern auch wieder inszenieren. Wieder mal nach Bosnien fahren. Und mit einem Kajak auf rumänischen Flüssen.

Mit welcher Theatergruppe warst du damals mit dem Stück „Rattenjagd“ auf Tour?
Knut Geißler: Das war in einem anderen Land. Lassen wir sie ruhen, die abgespielten Theaterstücke.

Die Fragen stellte Kreuzer-Autor Torben Ibs im August 2012.

Gespräch mit Ilyas Odman


Aus einem Gespräch mit dem Istanbuler Choreographen und Tänzer Ilyas Odman, der bei
Off Europa: Türkei urban" am 17. September in Leipzig und am 19. September in Dresden mit seinem Erfolgsstück Glassteps" gastieren wird.

Kannst du mit ein paar Sätzen deine Arbeitsbedingungen beschreiben?
Ilyas Odman: Ich bin einer der unabhängigen Künstler in Istanbul der glücklich ist über die Arbeitsbedingungen, und das wegen meiner Strategie, die ich versuche zu erhalten. Ich versuche einfach die Orte an denen ich arbeite in Räume für zeitgenössische Kunst zu verwandeln. Angefangen habe ich in Kargart, einem kleinen Kulturort. Ich produzierte dort Stücke und habe junge Künstler eingeladen aufzutreten. Nachdem das erfolgreich war, habe ich es immer so gehalten. Ich gebe Unterricht, beteilige mich auch an Mainstream-Arbeiten, und mittlerweile habe ich meinen eigenen Bereich wo ich produziere und mit anderen Künstlern Arbeit teile.

Ilays Odman in Cam Adimlar

Gibt es genügend Nachfrage für Gastspiele im Ausland?

Ilyas Odman: Meine Tourneen ins Ausland sind meine Haupteinnahmequelle. Bis jetzt war ich in Amsterdam, Utrecht, Paris, Turin, Mailand, Bra, Bologna, Catania, Mazedonien, Berlin, Saragossa, Huarte, Antwerpen. In der Türkei sind Istanbul, Ankara und Eskişehir die wichtigsten Städte. Wichtig sind auch die Residenzprojekte zu denen man eingeladen wird.

Wie findest du finanzielle Unterstützung?
Ilyas Odman: Wenn ich nicht im Ausland arbeite, als eingeladener Künstler oder in einer Residenz, habe ich keine finanzielle Unterstützung. Die Regierung, die Kulturverwaltung erkennt uns freie Künstler nicht an, weil wir keine Institution sind – und unterstützt uns nicht.

Du sprachst vorhin - etwas aufgebracht - auf dem Podium über einen "Vorteil in einer Situation der permanenten Benachteiligung"...
Ilyas Odman: Nach der letzten „Attacke“ der Kulturverwaltung auf die Stadttheater ist klar, dass Künstler unter dem Dach einer staatlichen Organisation keine zeitgenössische Kunst machen können. Es gibt keinen Nachteil oder Vorteil mehr unabhängig zu sein – das ist in diesen Tagen die einzige Art Kunst zu produzieren in der Türkei.

Du bist also "frei" zu tun was du möchtest, aber auch "frei" von Unterstützung. Denkst du dass deine Arbeit eine andere Authentizität vorweisen kann als die wohl behüteten, oft sehr gut geförderten, clever geplanten Theaterarbeiten im Westen Europas in ihrem oft seltsamen System von Orten, Produzenten, Kuratoren und Stiftungen?
Ilyas Odman: Wir können nicht leugnen, dass es so aussieht als ob die „türkische“ Identität ein neues, charmantes Konzept für den „europäischen“ Kunst-Sektor ist. Die neue Definition der Ränder Europas schafft ein solches Interesse. Das wiederum übt manchmal einen Druck auf die Künstler aus, weil diese fühlen, dass sie gerade zu dieser Identität produzieren sollten.

Die Fragen stellte Knut Geißler im April 2012 in Istanbul.

Gespräch: Ich mag kein lackiertes Theater


Knut Geißler kennt die osteuropäischen Theater-Provinzen wie kaum ein Anderer. Der Leipziger kuratiert seit 18 Jahren das Festival „Off Europa“. In der kommenden Woche läuft in Leipzig und Dresden seine aktuelle Werkschau: in diesem Jahr mit Theater aus Tschechien. Stefan Kanis hat mit ihm gesprochen

Vor 20 Jahren ist die DDR dem Westen beigetreten. Fast ebenso lang gibt es bereits „Off Europa“? Was hat sich seither bewegt? Ist uns Ost-Europa nur anders fern als damals?
Knut Geißler: Ich glaube nicht, dass sich Deutschland wirklich bewegt hat. Osteuropa ist durch die Wende ja aufgesprengt worden. Das war sehr wohl eine Bewegung. Seit dem EU-Beitritt holen manche Länder stark auf, aber umso weiter südlich man kommt, desto fragiler wird das. Ich bemühe mich, genau hinzuschauen und mir die Frage zu beantworten: Wie generiert man Interesse für dieses andere? Im letzten Jahr, bei Bosnien, war es wichtig, eine detaillierte Programmzeitung mit ein bisschen politischer Landeskunde zu machen. Das wurde gern gelesen. Im Falle des Nachbarlandes wie Tschechien wäre das anmaßend. Solche Sachen muss man bedenken.

Wie wird Freies Theater in Tschechien aufgenommen?
Knut Geißler: Tschechien ist uns als Nachbar insofern nah, als dass man Prag und Olomouc nicht vergleichen kann. Wie man Berlin und Wiesbaden nicht vergleichen kann. In Prag geht das Publikum mit großer Selbstverständlichkeit auch in kleine Theater, man spürt dort auch die Tradition dieser Bühnen. Es gibt auch nicht die Wahrnehmung: Das ist jetzt Off-Theater und irgendwie Kunst zweiter Klasse. Das ist schon ein Unterschied zu Leipzig.

Tschechiens Wirtschaft wächst kräftig. Die Menschen sprechen ein besseres Englisch als hierzulande. Ist Tschechien schon westeuropäischer als Ostdeutschland? Spiegelt sich das in den Produktionen?
Knut Geißler: Man muss die Produktionen von den Künstlern unterscheiden. Viele Tänzer und Performer in Tschechien verfügen über eine breite Workshop- und Ausbildungsbiografie, gerade weil man noch immer so eine unsichtbare Grenze überschreiten muss. Da sind die Deutschen bequemer. Und mit der Ausbildung in Amsterdam oder Kopenhagen wird natürlich auch der eine oder andere westeuropäische Trend kopiert. Aber das war eher ein Thema der späten Neunziger Jahre. Die Tschechen sind ein sehr eigenständig denkendes Volk. Und sie sind längst in der EU angekommen. Das wird dann auch nicht mehr andauernd problematisiert. Da interessiert die Künstler schon mehr die eigene Geschichte. Im Eröffnungsabend „Ekran“ spiegelt sich das über einen offenen Umgang mit den Dokumenten des vergessenen Alltags. Das wird nicht diskursiv zugespitzt, sondern bleibt in einer sympathischen Weise unabgerundet, sanft und witzig. Das ist dann doch sehr tschechisch.

Und das liegt Ihnen auch nahe?
Knut Geißler: Sicher. Ich mache bewusst einen Bogen um lackierte, auf Ergebnis hin inszenierte Produktionen. Ich liebe die kleineren Formen, ich brauche kein Theater, das aus dem Vollen schöpfen kann. Ich mag dieses kleinteilige Arbeiten und das findet man häufig in Prag.

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Veröffentlicht in der Leipziger Volkszeitung am 20. September 2010
Quelle: www.sperrsitz.net

Mich langweilt diese ständige Gier nach Erneuerung


Sein Fokus liegt auf östlichen Mitteleuropa sowie auf Südosteuropa. Dort gibt es spannendes Tanz- und Szenetheater. Der Leipziger Autor und Regisseur Knut Geißler veranstaltet seit 1992 jenes Tanztheaterfestival, das seit 2005 "Off Europa" heißt. Im L-IZ-Interview erzählt er wie sein Blick auf Albanien und Kosovo fiel und was er dort vorfand.

„Off Europa“ steht bald ins Haus mit einem Blick auf Albanien und Kosovo. Warum diese beiden Länder?
Knut Geißler: Prinzipiell gibt es sehr viele Länder, die mich brennend interessieren. Weil man im Normalfall wenig über sie erfährt. Da gerät logischerweise irgendwann auch Albanien in den Blick. Andererseits: Was Theater und Tanz betrifft, versuche ich früher da zu sein als die großen Veranstalter, die Künstler immer erst einladen wenn sie „geprüft“ sind und Erfolg versprechen. Ich prüfe lieber selbst. Im nächsten Jahr werde ich mit der Türkei zum ersten Mal einem aktuellen Hype hinterher recherchieren. Aber auch das wird interessant. Dann findet man die Dinge unter den Oberflächen. Politisch brisant wäre im Moment wohl Ungarn. Aber man kann sich nicht zerreißen.

Gibt es Unterschiede zu den anderen Staaten, die schon thematisch bei „Off Europa“ auftauchten?
Knut Geißler: Albanien und vor allem das Kosovo sind noch mehr „abgetrennt“ vom restlichen Europa als zum Beispiel Bosnien oder Serbien. Eine Folge der besonders extremen Auslegung des Sozialismus in Albanien und der letztlich „künstlichen“ Einbettung eines überwiegend von Albanern besiedelten Landstriches in die südslawische Föderation. Allein wenn man das so betrachtet ist die Loslösung und Unabhängigkeit des Kosovo folgerichtig. Genauso wie das Ausschließen einer albanischen Wiedervereinigung Unsinn ist.

Wie schätzt Du die (Tanz)-Theaterszene in Albanien und Kosovo persönlich ein - gibt es dort Entwicklungen, die neu oder anders sind als die im übrigen Europa?
Knut Geißler: Mich langweilt diese ständige Gier nach Erneuerung. Mich interessiert eher Vertiefung, das genauere Hinsehen. Und da gefällt mir die Gelassenheit, mit der man fast überall in Süd-Ost-Europa eigene Wege geht. Nichts unbedingt Neues erfindet, aber eben auch nicht jedem Trend hinterher hechelt.

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Die Fragen stellte Daniel Thalheim.
Quelle: www.l-iz.de

Interview Shekulli


In der großen albanischen Tageszeitung Shekulli wurde am 26. August ein Interview mit Knut Geißler veröffentlicht. Ein Auszug...

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Why this tribute to albanian culture?
Knut Geißler: Es ist die Neugier, die ein solches, eher kleines und spezielles Festival am Leben hält. Und die ständige Neuausrichtung. Natürlich nicht mit dem Finger auf der Landkarte, sondern geleitet von der Frage, was von Bedeutung, von Interesse sein könnte. Albanien ist in Zentraleuropa ganz sicher ein kommendes Thema. Und eine Beschäftigung mit Kunst und Kultur dann das Meinige.

What did you know before and now about this culture?
Knut Geißler: Wenn man wenig über ein Land weiß - das fängt ja bereits mit Geographie an und geht weiter über die Infrastruktur – ist meine Arbeit immer eine Entdeckungsreise mit großem Gewinn. Ich kannte zuvor nur sehr wenige Theaterkünstler, habe mich auf mehreren Reisen sozusagen heran gefragt, heran getastet, nach persönlichen Anknüpfungspunkten gesucht. Ich bin immer etwas skeptisch gegenüber diesen großen Institutionen und Autoritäten, die – wie Sie wissen – auch in Albanien das Theater in Wesentlichen ausmachen. Mein Eindruck ist, dass das Theater in Albanien vor allem eine Art „Dienstleistung“ ist. Wirkliche Kunst, Experimente sind die Ausnahme, sind Gelegenheiten vorbehalten, die keine bestimmten Erwartungen bedienen müssen.

Could you make any comparison between the projects from different parts of this world and how do they approache to albanian topics?
Knut Geißler: Da müsste ich zurück fragen, was ein typisches albanisches Thema wäre. Im Kosovo ist das sicher schon völlig anders als in Albanien selbst. In der Diaspora bleibt oft nur die Mitteilung, dass die... oder derjenige... „eigentlich aus Albanien stammt“. Deshalb spielte für mich jemand wie der in Frankreich lebende Choreograph Angelin Preljocaj auch keine Rolle, weil er wenig bis nichts mit Albanien zu tun hat. Ansonsten sehe ich mich nicht in der Situation etwas bewerten zu wollen. Ich versuche einfach das Land, die Kultur der Region über ihre zeitgenössische darstellende Kunst vorzustellen. Auch weil das sonst selten jemand tut.

Do you have now any clearer definition about albanian culture?
Knut Geißler: Ich kann nach drei Reisen nicht so tun als ob ich Ihr Volk, Ihre Kultur begriffen hätte. Ich habe nur ein ziemlich plastisches Gefühl dafür entwickelt, dass diese Phase großer Abschottung im Falle Albanien und die Auseinandersetzung mit (oder die Abgrenzung von) den Serben im Kosovo Ihr Volk sehr geprägt, möglicherweise auch sehr verändert haben. Und so etwas hat immer Einfluss auch auf Kunst und Kultur. Wenn man zu diesen Erfahrungen Ihre starken Traditionen hinzudenkt, den Familienzusammenhalt, auch den Stolz... dann ist das ein großer Schatz, ein Reservoir aus dem man als Mensch in einer sich immer ähnlicher werdenden Welt schöpfen kann.

Die Fragen stellte die Theaterredakteurin Elsa Demo.
Zum gesamten Artikel - natürlich auf albanisch - gelangen Sie hier...