Interview für die Theaterzeitschrift kød


Interview mit Knut Geißler in der Septemberausgabe der slowakischen Theaterzeitschift kød - konkrétne o divadle", Bratislava

Stellen Sie uns die Biografie des Festivals Off Europa vor. Wann und wie ist es entstanden, wie sah es ganz am Anfang aus? Welche Vision und Ambitionen hatten Sie bei seiner Gründung?
Gegründet 1992 in Leipzig, damals noch unter dem Namen MANöVER, war es in den ersten beiden Jahren ein „normales“ Theaterfestival, hielt Ausschau nach beispielhaften Inszenierungen aus dem nichtinstitutionellen Bereich. Nicht nur einfach um nach dem politischen und kulturellen Neuanfang zu Beginn der Neunziger Jahre Theater in die Stadt zu holen, auch für uns selbst als Theatermacher als Horizonterweiterung. Seit 1995 begannen wir im Jahreswechsel deutsche und spezielle internationale Ausgaben zu machen. Das hielt bis 2005, dann fand ich Deutschland nicht mehr so interessant. Nach einigem hin und her, nach finanziell mageren Jahren gelang es 2008 das Festival unter neuem Namen auf Dresden auszudehnen, und seitdem gibt es nur noch internationale Ausgaben. Zuletzt unter anderem Bosnien-Herzegowina, Albanien/Kosovo und die Türkei,.

Ihr Festival präsentiert jedes Jahr das Schaffen und Künstler aus einem ausgewählten Land, und zwar die Formen seines performativen Theaters und Tanztheaters. Was macht für Sie genau diese Art des Theaters zu etwas einzigartigem?
Man wählt natürlich immer an Hand dessen, was man vorfindet. Dabei ist Sprechtheater nie ausgeschlossen. Es muss nur - allgemein gesagt - transferierbar sein, und für das Publikum einzuordnen und wertzuschätzen. Am Tanz, oder auch an eher performativen, kleineren Theaterformen schätze ich insbesondere dass der Schaffensprozess, die Kreation ablesbar, erlebbar wird, und der/die Schöpfer zumeist auch anwesend sind. Man könnte bildhaft beschreiben dass man als Zuschauer „unmittelbar vor dem Risiko“ sitzt. Das ist oftmals sehr spannend.

Sie stellen das Programm des Festivals selbst und allein zusammen, dadurch dass Sie das Land, seine Theatermacher und deren Schaffen persönlich kennenlernen. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich beim Auswahlverfahren der Produktionen?
Ich glaube das ist ähnlich wie bei einer Kunstsammlung. Man saugt sich eine Zeit lang voll mit Informationen, Eindrücken, Begegnungen - um dann mit diesem Hintergrundwissen die Ergebnisse, also die (hier Bühnen-)Arbeiten anzuordnen. Da wird immer einiges nicht möglich sein, also auch immer etwas fehlen, und weil die Auswahl subjektiv erfolgt wird es auch nie eine komplette Bestandsaufnahme sein können; aber immerhin ein Schlaglicht, ein lebendiger Ausriss dessen, was existiert und von hohem Wert ist.

Konsultieren Sie Ihre Auswahl der Produktionen mit jemandem, der sich im Kontext und Hintergrund der Theaterszene des Landes auskennt?
Natürlich. Journalisten, Mitarbeiter von Veranstaltungsorten, das Theaterinstitut falls es so etwas gibt... das sind die ersten Kontaktaufnahmen, und die ersten - machmal auch versteckten - Verhöre über Orte und Arbeitsbedingungen, über Künstler und ihre Arbeitsbiographien.

Sind Sie bei der Auswahl der Produktionen mit etwas begrenzt?
Off Europa ist ein spezielles Vorhaben, mit einem für Deutschland sehr kleinem Etat. Die „euro-scene“, das andere Leipziger Festival, das letztlich ganz normal am Markt unterwegs ist, in diesem Karussell artigen internationalen Festivalbetrieb, hat beinahe das zwanzigfache an Budget. Den geringen finanziellen Möglichkeiten geschuldet ist dass ich überwiegend allein arbeite. Die größte Einschränkung aber ist, dass die Räume auf die wir zugreifen können nicht alles ermöglichen. In Leipzig lassen sich meist Alternativen finden, dort ist Off Europa immer an verschiedenen Orten, mit verschiedenen Größen und unterschiedlichster Ausstrahlung. In Dresden, wo ich selbst nur Gast bin, ist es schwieriger neben dem Societaetstheater, wo beide Bühnen etwas kleiner sind, noch weitere Räume zu finden.

Im Rahmen des Festivals präsentieren Sie die slowakischen Darsteller und Tänzer, die in der Slowakei tätig sind und gleichzeitig diejenigen, die schon im Ausland Zuhause sind. Spiegelt sich dieser geografische Unterschied in ihrem Schaffen wider?
Um das zunächst für die Türkei zu beantworten: In diesem Fall war das deutlich so. Die in Mitteleuropa arbeitenden Künstler waren mehr auf sich selbst fokussiert, auch auf ihre theatrale Form; nicht dass sie völlig unpolitisch waren, aber der Spirit, die Kraft von Istanbul fand sich in ihren Arbeiten nicht. Im Falle der Slowakei denke ich sind die Unterscheide nicht so groß, die im Land arbeitenden Künstler wirken etwas verankerter, eingebettet in einem über das Land gewobene Netz von Veranstaltungsorten und Künstlerkollegen. Die ich im übrigen immer sehr aufgeschlossen, sehr neugierig auf die Arbeiten von Kollegen erlebt habe, was nicht in jedem Land so selbstverständlich ist.

Jährlich bringen Sie dem deutschen Publikum das Schaffen, Erfahrungen und Aussagen der Theatermacher und Tänzer aus der Region, die östlich von Ihrem Land liegt. Interessiert sich das deutsche (d.h. westliche) Publikum (Experten als auch Laien) noch immer für uns?
Ich empfinde vor allem Kollegen, also Veranstalter, Künstler, und auch die Medien als ziemlich ignorant dem Osten gegenüber. Nach wie vor ist das was ich tue exotisch in deren Augen. Dabei gibt es kaum etwas Spannenderes als neugierig zu sein, Dinge zu entdecken, die nicht so „naheliegend“ sind. Beim Publikum ist das etwas zu beeinflussen, zu steuern, denke ich. Mit einem interessanten Programm und gelungener Kommunikation kann man potentielle Zuschauer durchaus motivieren. Eine grundsätzliche Neugier und Aufgeschlossenheit aber gibt es auch hier nicht. Das endete in Leipzig abrupt bereits so um 1995. Wobei das für Gastspiele aus dem Westen nicht viel anderes ist. Das Theater mag nicht tot sein, aber es hat an Bedeutung verloren.

Meiner Wahrnehmung nach ist die Slowakei, d.h. auch die slowakische Kunst und Künstler in Deutschland kaum präsent und zu sehen. Auf der einen Seite fehlt uns der Kontext einer unmittelbaren gemeinsamen Geschichte, die z.B. Polen oder Tschechien haben, auf der anderen Seite sind wir nicht genug „exotisch“ wie die Balkanländer oder die Ukraine. Empfinden auch Sie die Abwesenheit der Slowakei in kulturellen und interkulturellen Projekten? Und warum ist das aus Ihrer Sicht so?
Es gibt kaum nachhaltige Partnerschaft(en). Und so ist das immer wie ein kurzes Zucken. Durch die Kulturhauptstadt Košice ist die Slowakei in diesem Jahr in ganz Europa etwas präsenter. Auch in Leipzig. Mit ein paar Residenzen von bildenden Künstlern, ein kleiner Film hier, ein Kammerkonzert da. In Deutschland, auch in der Förderung von Kultur allgemein, erleben wir eine extreme Fixierung auf events. Wagner-Jahr, Jubiläum der Völkerschlacht. Es fließt irgend welches Geld - und viele Künstler erfinden Arbeiten für solche Anlässe. Die ich als losgelöst vom Leben und somit verlogen und langweilig empfinde.

Welche Klischees über die Kunst und Künstler aus Osteuropa haben Sie in der Slowakei gefunden?
Dazu kann ich wenig sagen. Ich suche und finde im günstigen Fall immer Individuen und damit Vielfalt. Unterschiedliche Handschriften, Arbeitsweisen, Mentalitäten. Ich sehe und achte die Künstler als Menschen. Weniger als Angehörige einer Nation.

Wo sehen Sie das Potential der slowakischen Darsteller und Tänzer, bzw. unserer Tanzszene und Szene des performativen Theaters?
Wenn es keine Qualität gäbe, und nicht einen gewissen Ruf, eine gewisse Ausstrahlung, hätte ich die Slowakei nicht in Erwägung gezogen. So blöd, simpel, abgekaut das klingt: Wichtig ist immer Vernetzung. Und dabei haben Veranstalter, auch Kulturfunktionäre - bis hin zu Ihrer Regierung - eine hohe Verantwortung. Nicht zu verkaufen, sondern Öffentlichkeit zu schaffen - und Rahmenbedingungen die Arbeit und Austausch ermöglichen und befördern. Irgendwie bin auch ich immer für ein Jahr eine Art Kulturbotschafter der jeweiligen Länder.

Würden Sie etwas als das typische bzw. gemeinsame für das slowakische Off-Theater deuten?
Der Ruf von dem ich zuvor sprach ist - oberflächlich wiedergegeben - „es gibt da gute Performer“. Das kann ich mittlerweile klar bestätigen. Bei den ausgewählten Arbeiten existieren Kraft und Leidenschaft neben Genauigkeit und - man kann durchaus sagen - Disziplin. Die wahrscheinlich auch guten Dramaturg(i)en zu verdanken ist.

Was halten Sie für das Authentische im Rahmen der Kunst? Haben Sie innerhalb der slowakischen Szene etwas gefunden, das Sie als authentisch bezeichnen würden?
Für mich ist das Authentische wenn der Künstler nicht hinter seinem Werk verschwindet. Er mag darin aufgehen, aber ich möchte ihn (wieder)erkennen. Für Off Europa bedeutet Authentizität vor allem, dass ich mir alle aus der Slowakei eingeladenen Arbeiten nicht losgelöst von ihren Entstehungsorten vorstellen kann. Auch deshalb halte ich die gastierenden Künstler für relevant und fähig, ihr Land zu (re)präsentieren.

Wie könnte das Motto des diesjährigen Festivals „Off Europa: Perform Slovakia“ lauten?
Das Motto ist in jedem Jahr das gleiche: „Sieht dir die Leute an. Du bist reicher danach.“

Die Fragen stellte Katarina Weissová.

Interview mit Sláva Daubnerová


Ab 9. September Dokumentar- und Spielfilme in der Kinobar Prager Frühling, vom 14. bis 20. September zeitgenössisches Theater und Tanz in UT Connewitz, in der naTo und im LOFFT; die diesjährige Ausgabe des Festivals „Off Europa“ steht ganz im Zeichen der Slowakei. Eine der schillerndsten Gäste wird die Schauspielerin und Regisseurin Sláva Daubnerová aus Bratislava sein.
Festivalleiter Knut Geißler hat sich für die L-IZ mit der Künstlerin unterhalten.


Sie sprechen sehr gut Deutsch. Was verbindet Sie mit Deutschland, mit seiner Kultur?
Meine Großmutter sprach Deutsch, außerdem auch Französisch und Latein; sie war eine der wenigen Mädchen am Gymnasium in Prievidza. Prievidza ist eine kleine Stadt in der Mitte der Slowakei. Eigentlich kommt meine Großmutter aus Handlová, einer noch kleineren Stadt oberhalb in den Bergen, und ihr Vater war Bergmann. Bis heute leben dort viele Karpatendeutsche. Und auch meine Familie hat sicher irgendwelche deutsche Wurzeln. Also, meine Großmutter hat mir Deutsch beigebracht. Dann habe ich auf dem Gymnasium eine deutsche Klasse besucht und die mit einem Sprachdiplom des Bundeskulturministeriums beendet. Toll war, dass wir deutsche Lektoren hatten und uns sehr viel mit Literatur beschäftigt haben, mit deutschem Drama und auch mit Filmen.
Kurz nach Öffnung der Grenze war eine Schülerin aus Westdeutschland über einem Austausch in unserer Familie. Das Mädchen war ziemlich am Ende, sie hat nichts gegessen, und hat sich auch die ganze Woche lang nicht gewaschen weil sie wahrscheinlich dachte das Wasser wäre irgendwie anders. Ihre größte Überraschung war, dass wir eine Waschmaschine hatten. Nach 1989 bekamen wir Satellitenfernsehen, plötzlich war da nicht nur mehr ein Sender, sondern ein Meer von ausländischen Kanälen. Ich habe sehr viel MTV, RTL, Pro7 gesehen und dadurch viel Deutsch gehört. Dann gab es eine längere Pause. Zur deutschen Sprache bin ich erst wieder zurückgekehrt als ich „Hamletmaschine“ gemacht habe. Ich denke die deutsche Theatertradition, mit Brecht und dem politischen Theater, aber auch das heutige Doku-Theater, ist sehr speziell, aber auch sehr attraktiv für andere Länder. Dieser Einfluss ist eher in Tschechien sichtbar als in der Slowakei, aber auch hier gibt es ein paar Regisseure, die das deutsches Theater beeinflusst hat. Das slowakische Theater ist ansonsten immer noch mehr am Naturalismus und an der Methodik von Stanislavski orientiert.

Ein Solo nach Heiner Müllers „Hamletmaschine”... das wäre in Deutschland in jedem Fall eine große Herausforderung, nicht nur für den jeweiligen Darsteller, die Darstellerin, auch für das Publikum. Wie muss man sich das vorstellen... da entert eine junge Schauspielerin die Bühne in einer slowakischen Kleinstadt mit einem sehr deutschen, sehr wuchtigen und dabei zweifelnden Text, verfasst von einem hoch politischen, mittelalten, ostdeutschen Dichter?
Ich habe Kulturwissenschaft studiert und Theater am Anfang immer nebenbei gemacht. „Hamletmaschine“ war voll von Fragen die mich quälten, insofern war das für mich sehr persönlich. Mein damaliger Freund, ein Punk, hatte das Buch, eine Sammlung mit Texten von Heiner Müller, in einer Buchhandlung in Žilina gestohlen. Er wusste nichts über den Autor, aber er war überzeugt dass ich es mögen würde weil es „ziemlich düster“ wäre. Ich mochte es tatsächlich sofort, insbesondere „Hamletmaschine“, weil es ohne Rollenzuschreibung war, weil es wie Poesie klang - und es war sehr musikalisch. Und ich fand eine Radioversion davon von den „Einstürzenden Neubauten“; ich war immer sehr beeinflusst von „industrial music“, ich musste es einfach machen. In dem Text ist so viel drin, dass er mich bis heute inspiriert. Ob ich ein Stück über männliche Identität im 21. Jahrhundert mache oder ein Solo über den slowakischen Nationalaufstand von 1944 schreibe, für beides ist „Hamletmaschine“ sehr interessant. Die Reaktionen von den Theaterleuten waren dann eher kühl. Bei bildenden Künstlern war die Annahme besser. Ähnlich war es auch mit „Some Disordered Interior Geometries“ nach Gedichten von Inge und Heiner Müller. Ich denke, das Problem war das völlig fremde Material – und mein freier Umgang damit.

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Quelle: www.l-iz.de

Videoclip zu "Perform Slovakia"


Der Videoclip für „Off Europa: Perform Slovakia" ist fertig.
Die verwendete Musik entstammt dem Album „afterPhurikane" (Starodávne rómske piesne inak) aus dem Jahr 2010, produziert von (und zu beziehen über) den slowakischen Verlag Žudro.


© lnrdshelby 2013

Programmheft zu Perform Slovakia


Das Programmheft zu „Off Europa: Perform Slovakia" ist entworfen - und gedruckt.
Gestaltung Gabriele Altevers

Off Europa 2013 Cover Programmheft

Hier könnten Sie es sich ansehen und/oder herunterladen.
Off Europa 2013 Programmheft

Wenn Sie uns Ihre Anschrift senden, schicken wir es Ihnen gern per Post.

Off Europa: Perform Slovakia - das Programm


Das Programm für das diesjährige
Off Europa Festival" (vom 14. bis 21. September in Leipzig und Dresden) das der Slowakei gewidmet ist steht fest. Auf den einen oder anderen Künstler wie zum Beispiel Jaro Viňarský müssen wir leider verzichten, eine hoch karätige Auswahl ist es allemal. Wir freuen uns sehr.

Divadlo Na Peróne, Košice & Jan Komárek, Prag
Útroby kravy (Die Innereien der Kühe)
Utroby kravy by Jan Komárek
Foto © Jan Komárek

Sláva Daubnerová / P.A.T., Bratislava
Untitled

Peter Šavel, Brüssel & Kamil Mihalov, Žilina
Shifts
Shifts Peter eingedreht by Stanislav Dobák
Foto © Stanislav Dobák

Milan Tomášik, Ljubljana
Off-Beat

Tomáš Nepšinský, Fribourg
Y.A.N.A.

Debris Company, Bratislava
Dolcissime sirene

Fysické laboratorium Štúdio Matejka, Wroclaw
AWKWARD HAPPINESS / Everything I Don't Remember About Meeting You
Awkward Happiness Wine by Grzegorz Stępień
Foto © Grzegorz Stępień

Details zum Programm sind ab jetzt hier... zu lesen.

Die Slowakei also


Im September 2013: Die Slowakei.

Off Europa Motiv 2013 300dpi 4cGestaltung Gabriele Altevers

Auf der Suche


Kurze Visite in Prag beim Festival
Malá inventura"... auch um Kontakte in die Slowakische Republik für den Jahrgang 2013 zu knüpfen. Dabei gab es mindestens drei bemerkenswerte Abende zu erleben.

„Kolik váží vaše touha?" (Wieviel wiegt deine Sehnsucht?) fragen vier Tänzerinnen der Company „VerTeDans" im Theater Ponec, Prags wichtigster Spielstätte für zeitgenössischen Tanz. Und exerzieren mit wenig manieriertem, konsequent eingesetztem Bewegungsmaterial einen ganzen Kosmos von Befindlichkeit und zwischenweiblichen Beziehungen. Frau bietet sich an oder nimmt was sie kriegen kann, fügt sich Schmerzen zu oder küsst, wirkt bestimmt oder hilflos. All das in dramaturgischen Schleifen, die sich zunehmend verdichten und verschärfen. Da ist die exzellente Band ZRNÍ hinter dem Vorhang beinahe überflüssig, aber von den Zuschauern eine gern genommene Zugabe.
Konzeptioneller und auf andere Weise hoch politisch Veronika Švábovás Beschäftigung mit der eigenen Familie. Entschuldigend und stolz zugleich fällt am Anfang der Satz "Bei und wurde nie etwas weggeschmissen." Die Bühne eine Versuchsanordnung aus Technik und Erinnerungsmaterialien, aufwändig und virtuos bedient, animiert von Švábovás Mitstreitern von der Künstlergruppe „Handa Gote". Beinahe kühl wird berichtet von der Stigmatisierung und letztlich Vernichtung von Teilen der Familie durch die deutschen Besatzungsmacht, von der Urgroßtante, die eine Muse Leoš Janáčeks gewesen war, oder vom Bruder des Großvaters, der nach dem zweiten Weltkrieg in einem Schauprozess angeklagt wurde. Kein Dokutheater, eher eine Doku-Installation, manche mögen das beklagen - in jedem Fall sind die Biographien, die Fülle des Materials beindruckend, zum Mitdenken herausfordernd.

Mraky

Bleibt zu berichten von einem Gipfeltreffen des raben-schwarzen tschechischen Humors, von „Plošina" (Plattform), wo fünf Männer, abgeschieden von der Gesellschaft auf einer Bohrinsel/Eisscholle/im Atomkraftwerk Arbeiten - und letztlich Zusammenleben üben. Ein Fehler in den Abläufen lässt das zunächst strukturierte Geschehen auf der Bühne aus dem Ruder laufen, Flachpaletten beginnen zu tanzen, ein Kopierer macht sich selbstständig. „Wariot Ideal" nennt sich die Gruppe, und sie hat ein poetisches Märchen über den Albtraum Existenz kreiert, wo nicht ein Wort gesagt werden muss - und alle Fragen auf angenehmste Weise offen bleiben.