Gespräch: Ich mag kein lackiertes Theater


Knut Geißler kennt die osteuropäischen Theater-Provinzen wie kaum ein Anderer. Der Leipziger kuratiert seit 18 Jahren das Festival „Off Europa“. In der kommenden Woche läuft in Leipzig und Dresden seine aktuelle Werkschau: in diesem Jahr mit Theater aus Tschechien. Stefan Kanis hat mit ihm gesprochen

Vor 20 Jahren ist die DDR dem Westen beigetreten. Fast ebenso lang gibt es bereits „Off Europa“? Was hat sich seither bewegt? Ist uns Ost-Europa nur anders fern als damals?
Ich glaube nicht, dass sich Deutschland wirklich bewegt hat. Osteuropa ist durch die Wende ja aufgesprengt worden. Das war sehr wohl eine Bewegung. Seit dem EU-Beitritt holen manche Länder stark auf, aber umso weiter südlich man kommt, desto fragiler wird das. Ich bemühe mich, genau hinzuschauen und mir die Frage zu beantworten: Wie generiert man Interesse für dieses andere? Im letzten Jahr, bei Bosnien, war es wichtig eine detaillierte Programmzeitung mit ein bisschen politischer Landeskunde zu machen. Das wurde gern gelesen. Im Falle des Nachbarlandes wie Tschechien wäre das anmaßend. Solche Sachen muss man bedenken.

Wie wird Freies Theater in Tschechien aufgenommen?
Tschechien ist uns als Nachbar insofern nah, als dass man Prag und Olomouc nicht vergleichen kann. Wie man Berlin und Wiesbaden nicht vergleichen kann. In Prag geht das Publikum mit großer Selbstverständlichkeit auch in kleine Theater, man spürt dort auch die Tradition dieser Bühnen. Es gibt auch nicht die Wahrnehmung: Das ist jetzt Off-Theater und irgendwie Kunst zweiter Klasse. Das ist schon ein Unterschied zu Leipzig.

Tschechiens Wirtschaft wächst kräftig. Die Menschen sprechen ein besseres Englisch als hierzulande. Ist Tschechien schon westeuropäischer als Ostdeutschland? Spiegelt sich das in den Produktionen?
Man muss die Produktionen von den Künstlern unterscheiden. Viele Tänzer und Performer in Tschechien verfügen über eine breite Workshop- und Ausbildungsbiografie, gerade weil man noch immer so eine unsichtbare Grenze überschreiten muss. Da sind die Deutschen bequemer. Und mit der Ausbildung in Amsterdam oder Kopenhagen wird natürlich auch der eine oder andere westeuropäische Trend kopiert. Aber das war eher ein Thema der späten Neunziger Jahre. Die Tschechen sind ein sehr eigenständig denkendes Volk. Und sie sind längst in der EU angekommen. Das wird dann auch nicht mehr andauernd problematisiert. Da interessiert die Künstler schon mehr die eigene Geschichte. Im Eröffnungsabend „Ekran“ spiegelt sich das über einen offenen Umgang mit den Dokumenten des vergessenen Alltags. Das wird nicht diskursiv zugespitzt, sondern bleibt in einer sympathischen Weise unabgerundet, sanft und witzig. Das ist dann doch sehr tschechisch.

Und das liegt Ihnen auch nahe?
Sicher. Ich mache bewusst einen Bogen um lackierte, auf Ergebnis hin inszenierte Produktionen. Ich liebe die kleineren Formen, ich brauche kein Theater, das aus dem Vollen schöpfen kann. Ich mag dieses kleinteilige Arbeiten und das findet man häufig in Prag.

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Veröffentlicht in der Leipziger Volkszeitung am 20. September 2010
Quelle: www.sperrsitz.net