Pop Tanz Theater

Anläßlich eines Gastspiels der Giessener Performance-Gruppen She She Pop und „showcase beat le mot" beim Festival „reich und berühmt" im Mai in Berlin schrieb der Journalist Holm Friebe:
„Im seriösen Kulturbetrieb ist mit Pop wohl am ehesten die oft längst überfällige Hinwendung der ernsthaften zur Unterhaltungskultur gemeint. Daß damit nicht notwendigerweise eine Abwärtsbewegung impliziert ist, sondern viel eher ein taktisch seitlicher Drift, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, daß sämtliche Erzählmuster der Unterhaltungskultur ehedem der Hochkultur entlehnt sind, daß mithin die klassische Soap gar nicht anders kann, als das klassische griechische Drama populär transformiert zu perpetuieren."

Swing Web
Foto © Boxen-Team: swing hammer swing

Und er fährt fort: „Den Versuch unternehmen die Arbeiten „Radar Radar nichts ist egal" der Giessener Combo „showcase beat le mot" oder „Trust! Schließlich ist es Ihr Geld" von She She Pop. „Unbestimmtheitsstellen", die nach Roman Ingarden jedes gelungene Kunstwerk aufweisen muß, bilden hier das eigentliche Gerüst und sind gleichzeitig ein bewußtes Risiko für die Akteure, die sich auf Gedeih und Verderb ans Publikum ausliefern. Die dos and don'ts dieses wagnisreichen Happeningtheaters haben showcase beat le mot in einer Art Manifest niedergelegt, das wegen seiner Allgemeingültigkeit eigentlich an allen Off-Theatern aushängen sollte.
Die wichtigsten Punkte aus „Mitteilungen über das Theater in zwanzig Jahren" sind:
1. Sei Dir im klaren, daß das staatliche Theater korruptes Beamtentheater ist: Es ist Dein Gegner.
2. Beschwere Dich nicht darüber, daß Du kein Geld hast, laß Dir was einfallen.
(...)
12. Habe keine Angst, unterhaltsam zu sein.
13. Es gibt auch noch andere Musik als Philip Glass und Tom Waits fürs Theater.
(...)
25. Versuche auf der Bühne ein Popstar zu sein. Das Publikum muß dankbar sein, von Dir bemerkt zu werden.
(...)
31. Wenn Leute ab 40 Deine Stücke nicht verstehen, bist Du auf dem richtigen Weg."

Nun ist die „Giessener Schule" nur ein Theaterstandort in Deutschland - aber auf alle Fälle ein Grund, einen MANöVERtransfer zu organisieren. Zeitgleich zu MANöVER 98 findet der 15. Jahrgang von DISKURS statt, dem Festivals am Giessener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften.
Ein zweiter Aspekt ist der landesweit anhaltende Tanzboom, der sich in Leipzig kaum wiederspiegelt. Vielleicht auch wegen fehlenden Räumen. Deshalb bietet MANöVER dazu eine Stippvisite - an das Theater am Halleschen Ufer in Berlin. Vier solistische Arbeiten sind dort zu sehen, drei davon Uraufführungen - eine Bestandsaufnahme nach dem Zufallsprinzip, vertrauend auf das Hausprofil der zentralen Berliner Off-Theaterspielstätte.
Etwas weniger zufällig ist die Auswahl der vier Gastspiele in Werk II und LOFFT: Die sind das zeigenswerteste, was uns auf unseren Reisen begegnet ist.
—> aus dem Vorwort des Programmheftes

Aufführungen
Theater Mahagoni, Hildesheim: 3 : 2 - Das Wunder von Bern
Theater Moriba, Berlin: La Casa
wehrtheater hartmann, Berlin: kalter plüsch
Boxen-Team, Hildesheim: swing hammer swing

Exkursion Gießen —> DISKURS Festival
Anne Katrine Kallmoes: Derangeret
Regina Wenig/Nicola Unger: Samtmann II
Michael Jackson Cover Band: Unser glückliches Leben

Exkursion Berlin —> Theater am Halleschen Ufer
Thomas Lehmen: No Fear
Adalisa Menghini: Geometrico Schmidt
Lydia Maud Müller: Blume
Ursula Schmid: Monolog Dream

Presse
Es begann mit einer Show und endete mit experimenteller Musik-Theater-Performance. Zwischen diesen Polen pendelten die Zuschauerreaktionen von Begeisterung bis Abwehr. Sehgewohnheiten bekamen Risse, das Image des Theaterstandorts Leipzig ein paar Kratzer. MANöVER 98 ist aus, und trotzdem steht das Festival für Off-Theater wie ein Ausrufezeichen in der hiesigen Schauspiellandschaft: So streitbar, packend, ungehobelt, frech und manchmal provozierend daneben kann Theater sein. Und die ausverkauften Abend im Werk II signalisieren, dass die Leipziger Theaterfans dieses kleine, fast unauffällige MANöVER wollen.
—> Leipziger Volkszeitung