Unterschätzte Nachbarn

Schon die Anreise ist eine Herausforderung. Für die knapp 260 Kilometer von Dresden nach Wrocław braucht der Zug mindestens vier Stunden. Umsteigen obligatorisch, auf deutschem Boden betreibt eine private Eisenbahngesellschaft die Strecke. Ab Berlin ist das mit dem Euro-City nach Poznań, Warschau oder Gdańsk deutlich besser. Durchaus mit dem Resultat, dass zwischen Deutschland und Polen ein verstärkter kultureller Austausch in Gang gekommen ist, die beiden Länder etwas zusammengerückt sind.

Warschau Downtown by Knut Geißler
Warschau Downtown © Festival Off Europa / Knut Geißler

Allerdings ist in den letzten Jahren für Kunstschaffende das politische und gesellschaftliche Klima in Polen deutlich rauer geworden. Erfahrungsgemäß verändern sich unter solchen Bedingungen künstlerische Entwürfe, werden kleiner, etwas privater, gelegentlich experimenteller, allegorischer. Was ihre Qualität in den besten Fällen schärft. Nicht wenige Akteure haben in den letzten Jahren das Land verlassen, arbeiten aber häufig im Spagat zwischen neuer und alter Heimat.
Was also wäre dann die im Untertitel des Festivals angesprochene „Polnische Identität“? Am Ehesten eine grundsätzliche Offenheit, mündend in eine Weltbefragung mit einem Blick, der nicht nur nach Westen gerichtet ist. Der gerade jetzt die eigene Gesellschaft untersucht, hinsichtlich solch wichtiger Themen wie Freiheit und Selbstverwirklichung, Gleichberechtigung, Religion und - wichtiger noch - Teilhabe. Eine Neugier sozusagen auf starker kultureller Basis, verbunden mit (Selbst-)Erkenntnis und Emanzipation.

Trotz mehrerer Sichtungsreisen ist unsere Auswahl wie immer eine Momentaufnahme. Das Land ist groß, ebenso wie der künstlerische Output; wir hätten mit gutem Gewissen mehrere Festivals veranstalten können. Natürlich beschäftigen sich nicht alle eingeladenen Arbeiten explizit mit Politik. Doch sie bilden mit verschiedenen Themen, mit verschiedensten künstlerischen Mitteln eine Bandbreite von Leben und Lebensentwürfen ab, die ermöglicht, viel über das heutige Polen erfahren zu können.
Off Europa bleibt ein spezielles Vorhaben, einem Theater von Autorinnen und Autoren, von Künstlerkollektiven verpflichtet. Auch in diesem Jahr wird es sich lohnen, unseren Gästen bei Ihrer Arbeit zuzusehen. Unserem Publikum in den drei sächsischen Großstädten wünschen wir dabei die größtmögliche nachbarschaftliche Neugier.

Werbung Teatr Dramatyczny by Knut Geißler
Plakatserie Teatr Dramatyczny © Festival Off Europa / Knut Geißler

Wir möchten auf unsere Kartenpakete hinweisen. Für die Vorstellungen in Dresden und Chemnitz gibt es jeweils eine Dauerkarte. Etwas teurer ist der Festivalpass, der in allen drei Städten zum Eintritt berechtigt. Auch in den beteiligten Kinos.

Aufführungen
Grupa Coincidentia, Lehmann und Wenzel, Wilde & Vogel: Kukułka
Wojtek Ziemilski: Essence of Poland
Agata Maszkiewicz: Polska
Rafał Dziemidok: Out of Season - Undancing Vivaldi
Grupa Wokół Centrum: Dobre wychowanie
Renata Piotrowska-Auffret & Guests: The pure gold is seeping out of me
Paweł Sakowicz: Jumpcore
Dariusz Nowak + Dor Mamalia: into me, see
Janek Turkowski: Margarete
Agata Maszkiewicz, Vincent Tirmarche, Christophe Demarthe: Taki pejzaž
Karol Tymiński: This Is A Musical
Iwona Olszowska + Paweł Konior: Ewa i On

Matinée Vortrag
Dr. Anna R. Burzyńska: Mapping a Landscape of Polish Theatre

Filme
Piotr Stasik: Opera o Polsce - Opera about Poland
Grzegorz Brzozowski: Obcy na mojej kanapie - A Stranger on my Couch
Michał Marczak: Wszystkie nieprzespane noce - All These Sleepless Nights
Alexandra Wesolowski: Impreza - Das Fest
Jaśmina Wójcik: Symfonia Fabryki Ursus - The Symphony of the Ursus Factory
Pawel Pawlikowski: Ida
Dorota Kobiela, Hugh Welchman: Loving Vincent
Jan Komasa: Boże Ciało - Corpus Christi

Musik
Slawische Nacht + Konzert Wowakin

Konzert
Sutari